Kollektive Intelligenz, eine Definition - Teil 1

von Rainer Molzahn

Kollektive Intelligenz Definition Teil 1
S.Hofschlaeger / pixelio.de

Gemeinsam schlauer - Was ist kollektive Intelligenz?

Manche halten es für ein weiteres in der langen Reihe von Business-Schlagwörtern, manche sehen darin nichts anderes als eine Neuauflage von Teamwork-Romantik der frühen Neuzeit, andere sehen sich gar ideologisch herausgefordert in ihrer Anbetung individueller Kreativität. Deshalb jetzt unsere Reihe: Kollektive Intelligenz, eine Definition. 

 

Die Frage aber, die dem Begriff ‚kollektive Intelligenz‘ zu Grunde liegt, ist nicht nur ernst, sondern auch dringlich: wie können wir gemeinsam schlauer sein als alleine? Ernst und Dringlichkeit ergeben sich aus verschiedenen Eigenheiten der Conditio Humana in den Zeiten der Globalisierung:

Seit 2006 gibt es am MIT, Massachusetts Institute for Technology, das ‚Center for Collective Intelligence‘ - ein deutliches Zeichen, dass die Zeit mehr als reif ist für gemeinsame Klugheit, für kollektive Intelligenz. Oder?

 

Sowohl die Themen, die wir gemeinsam bearbeiten, als auch das Wissen, das wir für diese Arbeit brauchen, und die Strukturen, in denen wir zusammenarbeiten, sind so komplex wie noch nie – und sicher viel zu komplex und geradezu kompliziert, als dass einzelne Personen alleine die Expertise, die systemische Weitsicht und die gedankliche Souveränität haben könnten, um intelligente Entscheidungen zu fällen. Wir sind daher täglich und spürbar so abhängig voneinander wie wahrscheinlich noch nie zuvor in unserer Geschichte, und zwar weltweit. Diese Abhängigkeit fordert uns natürlich zur Zusammenarbeit auf. 

Kollektive Intelligenz: Abhängigkeit und Konkurrenz.

Dass wir gemeinsam schlauer sein müssen, ergibt sich aber nicht nur aus unserer Interdependenz. In Umkehrung zu ihr konkurrieren wir ja auch gegeneinander, und zwar auch weltweit und unter knallhartem kurzfristigem Erfolgsdruck. Diese Konkurrenz fordert uns dazu auf, unser Wissen nicht zu teilen, unsere Ideen für uns zu behalten, gegen die anderen zu agieren. Dies gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Subsysteme und sogar für uns als Einzelne (wie jeder weiß, der sich um einen begehrten Studienplatz bewirbt).

 

Aus der Widersprüchlichkeit von Interdependenz und Konkurrenz erwächst eine große Herausforderung, wenn es darum geht, gemeinsam schlauer zu sein: Was hält man zurück, was teilt man mit, was begrüßt man, was lehnt man ab, wo macht man auf, wo macht man zu, was darf man hier überhaupt sagen und was nicht. Und wann was, und warum, und mit wem genau besonders gerne, und mit wem nur über meine Leiche? 

 

Kollektive Intelligenz ist die Klugheit von Entscheidungen, die wir treffen, nachdem wir uns miteinander beraten haben. Die Qualität des gegenseitigen Beeinflussungsprozesses, der einer Entscheidung vorausgeht, ist also ausschlaggebend für den kollektiven IQ des gemeinsamen Outputs. Wie muss also eine öffentliche Arena beschaffen sein, in der es möglich ist, dass wir uns gegenseitig beeindrucken und beeindrucken lassen, beeinflussen und uns beeinflussen lassen? Dazu mehr in Teil 2.

Kollektive Intelligenz: Bedeutung und Praxisrelevanz.

In diesem Zusammenhang jetzt also noch zwei systemische Fragen, denen man sich stellen muss, soll der Begriff kollektive Intelligenz Bedeutung und Praxisrelevanz haben.

Kollektive Intelligenz Teil 1
Quelle: Netbaes

Die erste Frage:

Was genau ist das Kollektive an der kollektiven Intelligenz? Was ist also der systemische Bezugsrahmen?

  • Wo beginnt er, wo hört er auf?
  • Wer gehört dazu, wer nicht?
  • Wen meint das Wir?

Das kann ja reichen von meiner Kleinfamilie bis zur gesamten Menschheit. Ein Wir entsteht immer, wenn man in gemeinsamer und gegenseitiger Abhängigkeit aufgerufen ist, auf eine Herausforderung Antworten zu geben, die es so noch nicht gegeben hat.

 

Und damit sind wir ganz realistisch bei dem vielleicht größten möglichen Bezugsrahmen für das Kollektive an der Intelligenz: uns allen, alle Menschen auf unserem Heimatplanten. Wir sind nämlich in gegenseitiger und gemeinsamer Abhängigkeit dazu aufgerufen, ganz, ganz dringend unsere Beziehung zu unserem Planeten in Ordnung zu bringen.

Die zweite Frage:

Wer trifft die Entscheidungen, die (im besseren Falle) das Ergebnis eines gemeinsamen Beratungsprozesses sind?


Auch hier gibt es eine fast unendliche Vielzahl von systemischen Variationen; sie reichen von ‚niemand‘ bis ‚der Chef natürlich‘. Wenn es um die kollektive Intelligenz des jeweiligen Wir geht, beinhaltet jede Variation auch ihre Schattenseite, die häufig mehr kollektive Dummheit hervorbringt als das Gegenteil. In einem System, dessen Entscheidungen in Abstimmungen fallen, wird der Output des Ganzen nicht klüger sein, als die Intelligenz der Mehrheit das zulässt. In einem hierarchischen System, dass sich von ‚oben‘ legitimiert, ist das Ganze nicht klüger als der Chef. Damit wird die kollektive Intelligenz zur Chefsache.

Das Konzept der kollektiven Intelligenz gewinnt also dann an Bedeutung und Gewicht, wenn es nicht einfach ein Cross-Selling von Erkenntnissen aus der Tierwelt oder der Informationstechnologie ist: wenn wir die konkreten systemischen Gegebenheiten berücksichtigen, unter denen kollektive Intelligenz stattfinden soll. Dann wird es nämlich spannend, und es locken vielversprechende Resultate. Denn es ist wichtig, und dringend, dass wir gemeinsam schlauer werden.

 


Wie kann eine öffentliche Arena aussehen, in der wir uns gegenseitig beeindrucken und beeinflussen (lassen), um gemeinsam schlauer zu werden? 

Dazu mehr in Kürze im 2. Teil unserer Reihe: Kollektive Intelligenz, eine Definition.... 


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