Sinnkrise am Abend

von Peggy Kammer

Sinnkrise am Abend
Peg van Lou 2014

Nachts sind alle Katzen grau. So sagt man. Sobald es dunkel wird, sind meine Antennen empfindsamer. Der Trubel des Tages ist verflogen. Es wird außen still, dafür rattert es innen.

 

Sinnkrise am AbendIch glaube, das wird eine neue Reihe hier im Wandelforum-Blog. 

 

Manchmal denke ich, dass das echte Leben dann stattfindet, wenn man gerade nicht dabei und mittendrin ist, sondern ganz still für sich.

 

Dann, wenn die Fragen kommen, die einen immer weiter in den Kaninchenbau führen. Genau dann, wenn alle scheinbar wichtigen To Do's erledigt sind. Dann, wenn man sich langweilen könnte und man nach der nächsten Ablenkung schielt. Dann geht es los, das Leben.  

Schwarz und Weiß

Vor ein paar Tagen erwischte es mich. Es - das ist die Versuchung, schwarz und weiß deutlich voneinander zu unterscheiden. Gut und schlecht. Sinnvoll und sinnlos. Seit ich gelernt habe, mich zu empören, mache ich das auch gern. Und ich bin dann empört, wenn das doch nicht so einfach geht mit der Empörung. Wenn schwarz und weiß verschwimmen und die eingeübten Feindbilder nicht so deutlich schwarz sind, wie ich mir das gern eingebildet hätte. Verflixt. 


Natürlich sind wir hier beim Wandelforum genau dafür angetreten, das weite Feld zwischen schwarz und weiß - und auch jenseits davon - zu erkunden. Wir wollen keine einfachen, plakativen Antworten und Wahrheiten. Tief im Inneren wünschen wir uns aber genau das. Über das Grundübel der Polaritäten habe ich mich ja schon an anderer Stelle ausgelassen. Der Grat, weder im einfachsten Schubladen-Denken zu verblöden, noch alles willkommen zu heißen, ist schmal, geradezu extremst dünn und fragil. Und bei diesem Drahtseilakt noch ein Ziel im Auge zu haben und nicht nur das "Oben-Bleiben" zu sichern, ist ein Kunststück, das wir jedes Mal aufs Neue erlernen und ausloten müssen.


Das Ziel ist die Antwort auf die Frage danach, wie wir uns die Welt und unser aller Zusammenleben vorstellen und was wir dazu beitragen können. Tja ...

Und wenn man schon nicht (noch nicht) genau formulieren kann, wofür man sich einsetzt, dann weiß man doch zumindest, wogegen man ist. Zum Beispiel gegen den allgemeinen Fortschrittsglauben und ständiges Wachstum im Außen, während wir innerlich verkümmern. Oder technische "Errungenschaften", wie den Selfie-Stick, mit dem man noch schönere überflüssige Selfies schießen kann, weil die eigenen Arme nicht im Weg sind. (Im Ernst: was soll das?)


Dagegen sein - das ist zumindest ein Anfang. Und dann? Dann kauft man sich eine Zeitschrift, liest auf dem Cover den Titel des Leitartikels und denkt: Jawoll. Darüber kann ich mich empören... und reibt sich die Hände. Und dann? Dann fängt man an, zu lesen ...

Spiegel-Splitter

Spiegel Ausgabe Nr.10 2015
Spiegel Ausgabe Nr.10 2015

Mit dem Spiegel vom 28.02.15 ging es mir so. Der Titel: "Die Weltregierung. Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert." Da fiel es mir leicht, eine Schublade zu finden: technik-verrückte Nerds, die Imperien aufbauen und meinen, dass sie die Menschheit mit Entwicklungen, wie dem i-Phone 85 oder der Google-Brille beglücken müssen. Sehr plakativ, sehr einfach. So sind Schubladen.

Und der Einstieg war auch gleich nach meinem Geschmack: "Im Silicon Valley formt sich eine Elite, die nicht nur bestimmen will, was wir konsumieren, sondern wie wir leben. Sie will die Welt verändern und keine Vorschriften akzeptieren. Müssen wir sie stoppen?" 


Na klar! dachte ich. Der menschliche Geist verkümmert mit den ganzen Spielereien, Menschen werden und sind ständig beschäftigt mit Apps, Online-Shopping, Likes-Vergeben usw... Wir werden zu braven und glatten Konsumenten erzogen und freuen uns auch noch darüber. Das geht doch nicht. Ich bin dagegen und empört. Und ich schimpfe leise vor mich hin. 

Und dann lese ich weiter. Vorgestellt werden im Artikel: Ray Kurzweil (Chefingenieur von Google), Sebastian Thrun (Gründer von Google X), Peter Thiel (Gründer von Paypal) und Joe Gebbia (Gründer von Airbnb). Ich lese den ganzen Artikel und weiß schon bald nicht mehr, ob ich die Silicon-Valley-Unternehmer verurteilen oder bewundern soll. Hier kommen die Splitter:

*** ihr Ziel ist nie die Nische, sondern immer die ganze Welt *** so verändert die Digitalisierung nicht bloß Branchen, sondern die Art, wie wir denken und wie wir leben *** es geht ihnen nicht in erster Linie ums Geld *** sie stolpern nicht in die Zukunft, sondern sie sind Ideologen mit einer klaren Agenda *** die Weltveränderer aus dem Silicon Valley wollen, dass die Menschheit an ihrer Hightech-Heilslehre genesen soll *** Mischung aus Hippie-Denken und knallhartem Kapitalismus *** das Silicon Valley ist eine Männerwelt *** im Jahr 2029 werden Computer alles können, was auch Menschen können - nur besser *** arbeiten Google und ein Dutzend anderer bereits mit Hochdruck daran, das Altern zu stoppen, den Krebs zu besiegen *** denkende Maschinen, verlängertes Leben, dreidimensionale Hologramme *** eine Art neuer, digitaler Urknall *** die Frage, die sich alle stellen sollen: Wie kann ich etwas mit Einfluss auf die ganze Menschheit tun? *** Thrun hat eine Liste angelegt: 20 Bereiche um die Welt zu verändern *** wir haben lange nicht über die richtigen Fragen nachgedacht: Was muss passieren, dass die Welt ein besserer Ort wird? *** ich will an etwas Großem arbeiten, etwas, das Millionen Menschen berührt *** ich liebe es, Sachen zu machen, von denen es heißt: das ist unmöglich *** eingestehen, dass wir nicht genau wissen, wie, sondern einfach probieren und probieren ***

Ja, edle Gedanken in den Köpfen der Hightech-Schöpfer. Und in meinem Kopf spielen die Gedanken Ping-Pong - und finden kein Ende. Um aus solchen unendlichen Debatten herauszukommen und atmen zu können, helfen mir Fragen.

Fragen fragen

  • Was heißt Fortschritt im 21. Jahrhundert? Wo und worin sollten wir uns entwickeln?
  • Wie wollen wir leben? Was ist wichtig und wertvoll? Wovon sollten wir uns verabschieden?
  • Wer kann Antworten finden? Und wer entscheidet am Ende? Und wo und was ist das Ende? Und was ist, wenn es kein Ende gibt, also keinen guten neuen Weg?
  • Was passiert eigentlich zwischen der guten Absicht und der katastrophalen Wirkung? Wer übernimmt die Verantwortung, dass aus "A" auch ein "A" wird? Der Sender oder der Empfänger?
  • Was hält Menschen davon ab, sich und die Welt zu erforschen? Was genau heißt "Leben" ohne dies?
  • Wieso sprechen alle, auch wir, von kollektiver Intelligenz, wenn es doch immer Einzelne sind, die den Sprung wagen?
  • Und wieso kaufen Menschen mit Hirn einen Selfie-Stick?

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Kommentare: 2
  • #1

    Franziska (Montag, 16 März 2015 21:43)

    Was ist, wenn wir all diese Technik mit bewusstem Verstand einsetzen könnten? Könnte diese Technik uns bei Bewusstheit unterstützen? Geht es bei allem "Fortschritt" letztendlich um Werte, also das WIE wir sie nutzen? Was ist, wenn du ein anderes schwarz hast als ich? Was bedeutet es dann noch schwarz oder weiß zu unterscheiden? Was ist, wenn alles erst einmal nur ist. Auch Darwin hat keine Bewertung in der Evolution gefunden. Warum bewerten wir dann? Und wer setzt die Werte eigentlich fest? Vielleicht haben früher Einzelne die Welt verändert. Was ist, wenn unsere Welt jetzt zu komplex ist für Einzelne und wir jede und jeden einzelnen brauchen, um... ja, um was eigentlich?

  • #2

    Peggy (Mittwoch, 18 März 2015 15:02)

    Jajajaja, gute und wichtige Fragen, liebe Franzi! Danke dafür.
    Das Kuckucksei versteckt sich wohl gerade in deiner letzten Frage: Was wollen wir, du und ich und Heribert und ..., eigentlich erreichen? Und was ist, wenn Heribert sagt: "Oh nee, Umweltschutz ist schon in Ordnung, aber ich will mit meinem SUV in der City herumgurken und dabei 50 Liter Sprit verbrauchen." ...? Sagen wir dann: "Okay, lieber Heribert. Du bist. Dein SUV ist. Und alles ist in Ordnung." ? Ich weiß schon, ein sehr plakatives Beispiel und ich entschuldige mich schon mal vorsorglich bei allen Heriberts dieser Welt für den Missbrauch ihres Namens.

    Solange wir keine Mönche sind (und uns aus der Welt zurückziehen, um zu meditieren und friedlich zu sein), machen wir uns die Finger schmutzig, wenn wir was verändern und bewegen wollen. Wenn ich sage, "A ist nicht okay, ich wünsche mir stattdessen B" muss ich doch unterscheiden und bewerten, oder? Aus welcher Perspektive und aus welcher Quelle kann ich das tun, um mich nicht komplett schuldig zu machen und blind abzuwerten?