Die Welt im Monat März

von Rainer Molzahn

Carola Langer/pixelio.de
Carola Langer/pixelio.de

„Life is what happens while you are busy making other plans“ John Lennon

 

Während wir mit den Gründungs- und Ausgestaltungs-aktivitäten des Wandelforums beschäftigt sind, hört die Welt leider nicht auf, sich zu wandeln. Und weil ja unser Name auch Verpflichtung ist, wollen wir uns in dieser Rubrik monatlich auf den Stand der Dinge bringen: Ereignisse, die den Globus rocken (oder die das nach unserer sehr subjektiven Wahrnehmung tun), sollen hier im Lichte unserer Werte und Konzepte naseweis, besserwisserisch und hoffnungslos optimistisch kommentiert werden.

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Wahlen in Israel

Das aus meiner Sicht im globalen Kontext vielleicht bedeutsamste einzelne Ereignis waren die Parlamentswahlen in Israel am 17. März. Global bedeutsam natürlich deswegen, weil der Nahe Osten in seiner massierten und betonierten Unversöhnlichkeit seit einigen Jahrzehnten vielleicht das Pulverfass der Welt ist – jederzeit kann es hochgehen, und allzu oft tut es das auch.


Dort kreuzen sich nicht nur kulturelle und religiöse, sondern auch machtpolitische, strategische, militärische und ökonomische Kraftlinien, die uns alle überall auf der Erde mindestens tangieren und schlimmstenfalls gefangen nehmen und mitreißen.


Die Wahlen zur Knesset sind jedes Mal Bilanz und Omen dieses komplexen Prozesses. Sie finden in einem die äußere Diversität widerspiegelnden innenpolitischen Feld statt, das seine parlamentarischen Extreme in den ultra-orthodoxen Kräften (die zum Teil die Legitimität des israelischen Staates verneinen) und auf der anderen Seite in pazifistisch-sozialistischen Bewegungen hat. Regierungskoalitionen in Israel sind immer multipolare Patchwork-Familien in diesem Spannungsfeld, und oft kurzlebig (wie auch die letzte).


Diesmal war es besonders spannend. Die äußere Situation im politischen Magnetfeld zwischen Israel, den Palästinensern und den USA wie der Weltgemeinschaft, die geographische Umgebung mit Syrien, Irak, ISIS, Iran usw. So volatil und gefährlich wie lange nicht. Wochenlang und bis fast zum Schluss sah es nach einen Patt, nach einer Entscheidung um Haaresbreite zwischen dem gemäßigten Linken Herzog und dem nur mit großer Anstrengung als gemäßigt rechts zu bezeichnenden Netanyahu aus.


Welches Omen für die weitere Entwicklung im Nahen Osten würde die Wahl also hervorbringen?

Netanyahus Eskalations-Offensive

sven scherz-schade/pixelio.de
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Dann, um eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu - sagen wir - befördern, tat Netanyahu zwei Dinge:

 


Erstens, er ließ sich eine schon unanständig kurze Zeit vor der Wahl von den amerikanischen Republikanern in den Kongress einladen, am Präsidenten vorbei,




bewusst in Kauf nehmend, dass damit die Beziehung zu Barack Obama, und nicht nur die persönliche, sondern die politische zwischen den Staaten, zumindest bis zu einem Sieg der Republikaner bei den Präsidentschaftswahlen Ende 2016 schweren Schaden nehmen würde.

 

Der Effekt dieser kalkulierten Provokation blieb dennoch gering: in den Wahlprognosen zahlte sie sich nicht in Prozenten aus.

 

 

Ganz wenige Tage vor der Wahl, Meinungsumfragen durften schon nicht mehr veröffentlicht werden, holte Netanyahu sein letztes As aus dem Ärmel: er gelobte vor den Fernsehkameras, unter seiner Präsidentschaft würden die Palästinenser niemals einen eigenen Staat erhalten. Eine kategorische Absage an die einzige konstruktive Idee, die es gibt, um überhaupt einen Ansatz von Hoffnung für einen Frieden im Nahen Osten zu erzeugen – eine, die im Übrigen von der internationalen Gemeinschaft, einschließlich der USA, favorisiert wird.

 

Bewusste und kaltschnäuzige Eskalation, ein Schlag ins Gesicht aller, die De-Eskalation wollen.

Und der Kracher: es half. Der von Netanyahu geführte Likud-Block endete bei 30, die unterlegene milde Linke der Zionistischen Union bei 24 Sitzen. Beides weit entfernt von irgendeiner Mehrheit, aber genug für Likud, um eine Koalition zu bilden. Und das bedeutet: Mehr Netanyahu für den Nahen Osten in den nächsten Jahren. In Bezug auf die solchen Ergebnissen zu Grunde liegende Hintergrunddynamik heißt es: man gewinnt in diesem politischen Raum Mehrheiten, indem man sie bei denen sucht, die mit der anderen Seite schon längst nicht mehr reden und es auch in Zukunft nicht wollen. Die Tatsache, dass der wiedergewählte Netanyahu bereits zwei Tage nach dem Wahlgang öffentlich erklärte, vielleicht könne es ja doch einmal eine Zwei-Staaten-Lösung geben, ist ja eine hohnlachende Bestätigung dieser Dynamik.

Wir brauchen die Qualität der Ältestenschaft

Der Grund, aus dem ich diesen ganzen Vorgang aus der Perspektive des Wandelforums kommentiere, ist dieser: Es gibt in der Region seit vielen Jahren niemand mehr, der das moralische und politische Mandat hätte, die kriegführenden Parteien an einen Tisch zu bringen und ins Gespräch. Das ist der Beitrag, den nur die Ältesten leisten können: die politischen Führungen zu zwingen, den Geschichten der anderen Seiten zuzuhören und die eigenen zu teilen – und sich in diesem Prozess berühren zu lassen. Wo diese Qualität, diese Autorität und Präsenz nicht existieren, sind der kriegerischen Eskalation Tür und Tor geöffnet: Das Fremde ist das Böse. Ohne Ältestenschaft, ohne jemand, der die Streitenden um den Tisch versammelt, so das verallgemeinernde Paradigma hier, ist Veränderung Krieg. Mit schlimmen Auswirkungen auf alle, über mehrere Generationen. Das kann man aktuell an vielen Orten der Welt, nicht nur im Nahen Osten, in Echtzeit beobachten. Im Umkehrschluss: dort wo Veränderung halbwegs friedlich gelungen ist, war mit Sicherheit Ältestenschaft am Werk – siehe etwa Südafrika.


Die Frage bleibt: wer kann im Nahen Osten Ältestenschaft übernehmen?

Es wäre so wichtig für uns alle!


Der letzte amerikanische Präsident, dem das einigermaßen erfolgreich gelang, war natürlich Jimmy Carter in seiner Vermittlung des immer noch einzigen Friedensvertrages zwischen Israel und einer arabischen Nation. Das war 1978. Der letzte amerikanische Präsident, der daran in seinen letzten Amtsjahren verzweifelte, war Bill Clinton. Dann kamen G.W. Bush und der Irakkrieg, und seitdem haben die USA nicht mehr das Ticket zu Ältestenschaft in der Region.

 

Niemand in Sicht.

Drei trostvolle Ausnahmen möchte ich grüßen und würdigen

The Elders

 

Unsere globalen Ältesten. Gegründet von Nelson Mandela mit Hilfe von Richard Branson und Peter Gabriel. Jimmy Carter ist Mitglied, Desmond Tutu, Kofi Annan und andere. Annan war der letzte, der den Versuch unternahm, in Syrien den Frieden zu bewahren. Es gelang ihm leider nicht.


Daniel Barenboim

 

und sein West-Eastern Divan Orchestra.

Das Orchster wurde 1999 gegründet und besteht zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern. Das Ensemble setzt sich für friedliche Lösungen im Nahostkonflikt ein.

Abie Nathan

 

‘The Voice of Peace’, vollkommen zu Unrecht fast vergessen. Ehemaliger Elitesoldat und Kampfpilot. Schuf und betrieb in den Siebzigern die Radiostation dieses Namens, auf einem alten Frachter ein paar Meilen vor der Küste vor Palästina, Israel, Ägypten. Verschiedenartigste Nationen, im Krieg miteinander, swingten zu den gleichen Disco-Hits.


Vielleicht ist die Musik unsere Hoffnung?

Sie hätte nichts dagegen ...


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Kommentare: 2
  • #1

    Onkel@otto.komm (Sonntag, 10 Mai 2015 23:29)

    Es gäbe sicherlich noch einige weitere "trostvolle ausnahmen". So schwarz ist die Welt nicht.

    Der Anspruch "Die Welt im Monat März" kann von niemandem eingelöst werden. Was ist mit Afrika, was ist mit der Todesfälle Mittelmeer, was ist mit den neuen Idioten der " Oldschool", Pegida, AfD.... etc.

    Die Welt war auch im März vielfältiger, mehrdimensionaler, gerecht/ungerechter als hier zu lesen...- Leider

  • #2

    Peggy (Mittwoch, 13 Mai 2015)

    Hallo Onkel Otto,
    stimmt. Leider - und Gott sei Dank.
    Mit unserer Rubrik "Die Welt im Monat" können wir gar nicht alle Themen abdecken, die auf der Welt passieren. Und das ist auch nicht unser Anspruch. Wir wählen in jedem Monat ein Ereignis aus, sehr subjektiv natürlich. Nur 1 Thema - aber darüber nicht nur oberflächlich informieren, sondern Bedeutung schaffen, Dynamiken, Verknüpfungen und Herausforderungen deutlich machen. Eben weil nicht nur alles schwarz oder weiß ist.