Vertrauen in Kain und Abel - oder: Was tun mit dem "Sicherheitsrisiko Mensch"?

von Ulrike Linz

Dieter Schütz/pixelio.de
Dieter Schütz/pixelio.de

Ein Mensch fliegt ein Flugzeug mit 150 Personen in den sicheren Tod, lässt sich und die Menschen an einem Berg zerschellen und sterben. Selbst das Schreiben der Zeilen fällt schwer – die Vorstellung dessen, was in den Alpen Frankreichs sich ereignet hat, ist kaum zu ertragen. Und es bleibt nichts, als mit tiefem Mitgefühl an die Menschen zu denken, die zur Zeit nichts haben als ihre Trauer um die verlorene Welt mit einem Menschen aus ihrem Leben. Offenbar war der Copilot, der die Maschine steuerte, nach ärztlicher Ansicht nicht arbeitsfähig, als er flog, da er in Behandlung einer schwerwiegenden Krankheit war.

 

Es ist ein schreckliches Ereignis von großer Gewalt und großem Leid.

Und was sind die Reaktionen? Wir wollen die Sicherheit verstärken, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Verständlich.

 

 

Verständlich?

Gefahren, Sicherheit, Kontrolle - und Misstrauen

Die eine zentrale Forderung lautet:

  • Leute ins Cockpit, damit kein Einzeltäter aktiv werden kann. Ist das nicht ein Widerspruch gegen die eigene Logik, Gefahren auszuschließen? Ist das nicht auch ein mögliches ein Einfallstor für die Gefährdung der vollbesetzen Maschinen? Es könnte doch ein Mensch mit zerstörerischen Absichten die Chance nutzen, die sich so auftut...

Und eine viel gravierende Forderung:

  • die Schweigepflicht der Ärzte aufheben – sie sollen offenlegen, wenn ein Pilot oder „Mensch, der eine sicherheitsrelevante Tätigkeit ausübt“, krank ist, gefährdet ist.

Was bitte ist das?

Um wen geht es – was bedeutet das für die Ärzte – was bedeutet es für hilfesuchende Menschen – was macht das mit uns, unserem Miteinander und mit unserer Gemeinschaft? Was glauben wir, damit sichern oder verhindern zu können?

 

In den Reaktionen zeigt sich die Sicht auf uns als „Sicherheitsrisiko Mensch“, da scheint der Ruf nach mehr Kontrolle einsichtig: Wir müssen genauer wissen, was wen umtreibt, was in seinem Körper und Geist vor sich geht, das anderen schaden könnte. Das muss nicht nur diagnostiziert, sondern auch kommuniziert werden an Arbeitgeber und Entscheider. Wir müssen wissen, was in den Menschen vorgeht. Wer nichts zu verbergen hat, muss sich ja nicht sorgen. Diesem Motto folgen wir ja auch bei unserer fröhlichen Datenfreigabe mit der Payback-Karte, bei jedem Google-Suchauftrag, in unseren Whats-app-Gruppen. Wenn wir also das Gesetz so ändern, dass wir an völlig intime und bislang geschützte Daten kommen, sind wir auf der sicheren Seite und die Gefahr ist gebannt. 


Sind wir das? Ist sie das?


"Leben ist immer lebensgefährlich." (Erich Kästner)


Nein. Grundsätzlich führt kein Weg daran vorbei, anzuerkennen – und wir können uns nur mit viel Energie belügen, wenn wir es nicht anerkennen wollten: Es gibt, wo es Leben gibt und Menschen agieren, keine absolute Sicherheit.

 

Diese Illusion aber wird befördert. Und anstatt Gefahrenpotentiale zu beseitigen, steigern wir eine Gefahr, die weitaus bedrohlicher ist: Die Gefahr, dass eine auf Vertrauen in den Menschen basierende Gemeinschaft endgültig der Kontrolle und dem Misstrauen weicht, die den Menschen vermessbar und einschätzbar machen wollen.

Notwendig entstehen so Bewertungskategorien, die mehr wiegen als der Mensch mit seinen komplexen Erfahrungen und Bedürfnissen, die zum Menschen dazugehören und die uns eigentlich herausfordern, Orte, Angebote, Formen der Begegnung zu finden und zu gestalten, um uns bei unseren Aufgaben und in unseren Gefährdungen zu unterstützen.

 

Wenn wir alles, was die absolute Leistungsfähigkeit einschränkt, als Gefahrenquelle bewerten, die herauszufinden und auszuschließen ist, verliert sich ein Selbstgefühl, dass eine Hilfesuche, wie auch immer sie sich erklärt (aus gefühlter Schwäche, aufgrund von familiären oder beruflichen Problemen, Krankheiten) zum Menschen dazugehört und eine Antwort verlangt.

Ja, wir sind unberechenbar und wir sind zu vielem fähig. 

„Nichts stärkt den Menschen mehr, als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt“    

Adolf von Harnack

 

Und doch bleibt uns nichts, als trotzdem und deswegen auf Vertrauen zu setzen und dieses Menschen entgegenzubringen. Allein das stärkt einen Menschen auf seinem Weg, motiviert ihn und ermöglicht ihm die Erfahrung von Selbst- und Lebenswert und von Perspektive, aus der heraus wir verantwortlich und gemeinschaftlich zu handeln in der Lage sind.

 

Das ist keine naive Sicht und missachtet weder noch würdigt es diejenigen nicht, die jeden Tag in ihren Berufen als Polizisten, Justizvollzugsbeamte, LKA- und BKA-Mitarbeiter oder an anderer Stelle unser Leben vor Bedrohungen sichern wollen - sondern es ist die größte Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Und die wir nicht einmalig mit einem Gesetz lösen können, sondern die wir täglich zu meistern haben.

 

Und das heißt dann z.B., nachzufragen, wo wir in unseren Kontexten Vertrauen und Miteinander üben können. Und es heißt, zu erforschen, wo Vertrauen und Miteinander nicht gelingen, bedroht oder verletzt sind.

Auf die konkrete Situation und die kritisierten Reaktionen bezogen wären es z.B. folgende Fragen und Suchbewegungen:

  • Wie wird in den Firmen Gemeinschaft erfahrbar?
  • Welche Unterstützung für das Miteinander gibt es?
  • Welche Werte des Erfolgs und Gelingens werden vermittelt, erlebt, leiten das Handeln von Vorgesetzten und Mitarbeiter/innen?
  • Kann man sich Vertrauens-voll an Kollegen und Chefin/Chef wenden, wenn etwas nicht gelingt?
  • Welchen Raum haben diejenigen, die den Eindruck haben, den offiziellen Leit-Maßstäben (Gesundheit, Attraktivität, Erfolg und wie sie alle heißen), nicht genügen zu können? - weil das Leben schwer ist, weil sie außer Atem sind, weil es kein Leben im werbungskonform gewebten Glückskokon gibt...

Erfolgreich scheitern

Helmut J. Salzer/pixelio.de
Helmut J. Salzer/pixelio.de

Und für alle unsere Wirkfelder können wir uns fragen:

  • Reden wir über die verschiedenen Aspekte und Folgen von „Erfolg“?
  • Haben wir Ideen/Angebote zu einer mehrdimensionalen Sicht auf ein persönliches Erleben von „Scheitern“?
  • Quatschen wir nur von Fehlerkultur und Wertschätzung oder gestehen wir uns und anderen zu, dass in Irrtümern und Fehlern Lernen geschieht - miteinander, voneinander, füreinander. Und schätzen wir wirklich den Wert, der uns in jedem Menschen begegnet, auch bzw. gerade, wenn wir ihn (noch) nicht verstehen?
  • Und wenn wir uns – innerlich/ äußerlich - bewegen müssten, um ihm nahe zu kommen in vielleicht unbegreiflichen Gedankengängen oder Handlungen?


  • Was brauchen Menschen, die für andere Menschen verantwortungsvolle Dienste leisten?
  • Und: Tun wir das nicht eigentlich alle?
  • Wie sind sie begleitet – wie sind wir begleitet?
  • Wie sind sie  - wie sind wir betreut?
  • Was für Angebote stehen für sie – für uns – zur Verfügung, damit wir arbeitsfähig und gesund sind und bleiben?
  • Was lernen und lehren wir schon in der Schule über Verantwortung und Miteinander?
  • Über Hilfesuche und Unterstützung?
  • Über den Umgang mit uns, wenn es uns schlecht geht und über unser Verhalten gegenüber anderen, die hilflos oder ratlos sind?

Ein verständlicher Sicherheitswunsch verleitet uns schnell zu gefährlichen Forderungen oder Handlungen, mit denen wir uns einschränken und das Wertvollste verlieren, das wir gewinnen, teilen und verschenken können: Das Vertrauen in uns und unsere Mitmenschen, dass wir – trotz alledem – miteinander unsere Wirklichkeit gut und fürsorglich verantworten und gestalten können. 


Das ist unser Job, jeden Tag, an genau dem Ort, an dem wir wirken.

Abel steh auf

von Hilde Domin

 

Abel steh auf

es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden

täglich muss die Antwort noch vor uns sein

die Antwort muss ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder
Damit die Kinder Abels

sich nicht mehr fürchten

weil Kain nicht Kain wird

Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels

und fürchte mich täglich

vor der Antwort

die Luft in meiner Lunge wird weniger

wie ich auf die Antwort warte

 

Abel steh auf
damit es anders anfängt

zwischen uns allen

 

Die Feuer die brennen

das Feuer das brennt auf der Erde

soll das Feuer von Abel sein

 

Und am Schwanz der Raketen

sollen die Feuer von Abel sein 


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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Klenk (Donnerstag, 11 Juni 2015 10:12)

    Hallo Ulrike,

    danke, sehr schön:))) In der Luftfahrt ist das, was du schreibst genau der Kulminationspunkt: Wieviel Sicherheit, wieviel Vertrauen (Freiheit)? Seit 9/11 sind wir in einem kollektiven, entmündigenden (unfrei machenden) und aus meiner Sicht gesteuerten Sicherheitswahn, der im Fall der Germanwings gepaart mit menschlicher Not zur Falle wurde.GLG Michael