Martin Buber: Das dialogische Prinzip

von Peggy Kammer

Martin Buber Das dialogische Prinzip

 

"Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit,

ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist.

 

Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch."

 

Martin Buber


Martin Buber (1878-1965) war Religionsforscher, Philosoph und Schriftsteller. In seinem philosophischen Werk widmete er sich vor allem dem Thema des Dialogs als anthropologisches Prinzip des Menschen. "Alles wirkliche Leben ist Begegnung." - ist wohl einer der meist zitierten Sätze von ihm. 


Sein Werk "Das dialogische Prinzip" vereint gleich mehrere Schriften:

Ich und Du, Zwiesprache, Die Frage an den Einzelnen, Elemente des Zwischenmenschlichen und Zur Geschichte des dialogischen Prinzips. 

 

Buber gilt gemeinhin als schwer verständlich und schwer zugänglich. Und es ist tatsächlich keine leichte Kost, die er einem als Leser serviert. Gut so. 

Was er aber auf unvergleichliche Art und Weise schafft, ist, eine Ahnung und ein Gefühl dafür zu vermitteln, was echte Begegnung ist und wie großartig und intensiv das Leben sein könnte. Und das in einer Sprache, die poetisch und schlichtweg wunderschön ist. Eine Sprache, die den Geist weckt und lockt und mit ihm tanzt. 

Die Welt der Beziehung


Es gibt 3 Worte, die ich mit Martin Buber und seinen Schriften in Verbindung bringe:

Präsenz, Beziehung und Berührung.

 

"Jeder von uns steckt in einem Panzer, dessen Aufgabe ist, die Zeichen abzuwehren. Zeichen geschehen uns unablässig, leben heißt angeredet werden, wir brauchten nur uns zu stellen, nur zu vernehmen. Aber das Wagnis ist uns zu gefährlich, die lautlosen Donner scheinen uns mit Vernichtung zu bedrohen. ... Jeder von uns steckt in einem Panzer, den wir bald vor Gewöhnung nicht mehr spüren. Nur Augenblicke gibt es, die ihn durchdringend und die Seele zur Empfänglichkeit aufrühren. Und wenn sich dergleichen uns angetan hat und wir dann aufmerken und uns fragen: 'Was hat sich denn da Besondres ereignet? Wars nicht von der Art, wie es mir alle Tage begegnet?', so dürfen wir uns erwidern: 'Freilich nichts Besondres, so ist es alle Tage, nur wir sind alle Tage nicht da.' ..."


Buber unterscheidet zwischen den Grundwörtern 'Ich-Es' und 'Ich-Du'. 

Die Welt als Erfahrung gehört dem Grundwort Ich-Es zu. Das ist, ganz schlicht formuliert, das Leben als Konsument und in der Trennung von allen und allem. Auch von sich selbst. Das Grundwort ist geleitet von: Was kann ich gebrauchen? Was sollte ich haben? 

 

"Der Mensch wird am Du zum Ich."

Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung. Das ist das Sein in Verbindung. Es gibt eine Relation, ein gegenseitiges Beeinflussen. Das Grundwort ist geleitet von: Wer bin ich und wer bist du? und von: Was ist es, das mit und zwischen uns passiert?

 

Drei Sphären beschreibt Martin Buber, in denen sich die Welt der Beziehungen errichtet:

  • Das Leben mit der Natur: Die Beziehung haftet an der Schwelle der Sprache, ist also vorsprachlich und nur erfahrbar, erlebbar.
  • Das Leben mit den Menschen: Darin wird die Beziehung sprachgewaltig. 
  • Das Leben mit den geistigen Wesenheiten: Hier ist die Beziehung sprachlos, aber sprachzeugend.

Der Dialog und die Verantwortung des Einzelnen


"Der Dialog vollendet sich außerhalb der mitgeteilten oder mittelbaren Inhalte, auch der persönlichsten. ... Menschen, die dialogisch verbunden sind, müssen doch offenbar einander zugekehrt sein."(aus: Zwiesprache)


"Wo [...] das Gespräch sich in seinem Wesen erfüllt, zwischen Partnern, die sich in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind, vollzieht sich eine denkwürdige, nirgendwo sonst sich einstellende gemeinschaftliche Fruchtbarkeit. ...

Das Zwischenmenschliche erschließt das sonst Unerschlossene." (aus: Elemente des Zwischenmenschlichen)  

 

"Echte Verantwortung gibt es nur, wo es wirkliches Antworten gibt. Auf das, was einem widerfährt, was man zu sehen, zu hören, zu spüren bekommt. Jede konkrete Stunde mit ihrem Welt- und Schicksalsgehalt, die der Person zugeteilt wird, ist dem Aufmerkenden Sprache." (aus: Zwiesprache)



Die Erfahrung im Dialog kann großartig und überraschend sein, auch - und gerade - wenn es nicht die großen Worte Einzelner sind, die einen berühren.


"Die 'Wahrheit' setzt sich nicht durch - sie scheint durch."

Rainer zitierte in seinem letzten Artikel zur kollektiven Intelligenz schon Hugo Kükelhaus.

Wenn aus den Stimmen und Stimmungen der Einzelnen, wenn durch das Verlangsamen der Gedanken und Impulse aller, wenn ein Raum des Beobachtens und Betrachtens entsteht... dann kann die Wahrheit für einen Moment ihr Gesicht zeigen, dann können "Lösungen" auftauchen, die schon immer da waren, aber verdeckt wurden durch Annahmen, Bewertungen, Identifikationen... Das kann die Magie des Dialogs sein. 

Was fürs Herz und die Seele


Die, aus meiner Sicht, schönste und erhebendste Passage aus "Ich und Du",

die zart und gewaltig ist, möchte ich hier unbedingt noch zitieren:

Martin Buber Das dialogische Prinzip
Peg van Lou

"Die feurige Materie all meines Wollenkönnens unbändig wallend,

all das mir Mögliche vorwelthaft kreisend, verschlungen und wie untrennbar, die lockenden Blicke der Potenzen aus allen Enden flackernd, das All der Versuchung, und ich, im Nu geworden, beide Hände ins Feuer, tief hinein, wo die eine sich verbirgt, die mich meint, meine Tat, ergriffen: Nun!

 

 

Und schon ist die Drohung des Abgrunds gebannt, nicht mehr spielt das kernlos Viele in der schillernden Gleichheit seines Anspruchs, sondern nur noch Zwei sind nebeneinander, das Andere und das Eine, der Wahn und der Auftrag. Nun aber erst hebt die Verwirklichung in mir an. Denn nicht das hieße entschieden haben, wenn das Eine getan würde und das Andere bliebe gelagert, erloschne Masse, und verschlackte mir die Seele Schicht auf Schicht. Sondern nur wer die ganze Kraft des Anderen einlenkt in das Tun des Einen, wer in das Wirklichwerden des Gewählten die unverkümmerte Leidenschaft des Ungewählten einziehen lässt, nur wer "Gott mit dem bösen Triebe dient", entscheidet sich, entscheidet das Geschehen.

Hat man dies verstanden, so weiß man auch, dass eben dies das Gerechte zu nennen ist, wozu sich einer richtet und entscheidet; und gäbe es einen Teufel, so wäre es nicht, der sich gegen Gott, sondern der sich in der Ewigkeit nicht entschied." (Martin Buber: Ich und Du)

Martin Bubers Texte sind ein Aufruf, wirklich da zu sein. Hier. Jetzt. Unmittelbar.

Wo bist du?


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