Die Welt im Monat Juli: Flüchtlinge

von Rainer Molzahn

Die Welt im Monat Juli
Mellia in Marokko, spanische Exklave

Diesmal möchte ich weniger ein einzelnes Ereignis herausgreifen, sondern über eine Serie von Ereignissen nachdenken, an die wir uns schon derart gewöhnt haben, dass sie fast keine Nachrichtenereignisse mehr sind – obwohl jedes einzelne eine Katastrophe ist. Ich meine die mit beklemmender Beharrlichkeit ständig weiter anschwellenden Ströme von Flüchtlingen, die aus der Dritten an die Küsten der Ersten Welt anbranden.

Im ohnehin geschundenen Griechenland waren es übrigens allein im Juli 50 000.

 

Was mich daran ganz besonders nachdenklich macht, ist die unglaubliche Kurzsichtigkeit und Oberflächlichkeit, mit der wir auf dieses Problem reagieren – egal, ob wir nun für oder gegen mehr Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte in unserer Gegend sind.

 

Und, ganz nebenbei gesagt, ich bin für mehr.

Örtlich

Im Normalfall beginnen wir erst, uns mit dem Problem zu beschäftigen, wenn es an unserer Haustür gelandet ist. Wenn es also darum geht, wie man in der Gemeinde mit der steigenden Anzahl von fremden Menschen umgeht, die aufgrund von irgendwelchen Verteilungs-mechanismen ganz offensichtlich auf einmal da sind. Da beginnt dann die menschliche und politische Dynamik zwischen den Polen Willkommenskultur und Fremdenhass ‚vor Ort‘.  

Die Welt im Monat Juli
Unglaublich: Ein Plakat der australischen Regierung

In Wirklichkeit sind aber die Flüchtlings- und Einwandererströme aus der Dritten Welt in die Erste kein lokales Thema, sondern ein globales.


Nicht nur wir in Deutschland sind damit konfrontiert, sondern das gesamte Europa und die stabileren Nationen im nordafrikanischen und arabischen Raum, und natürlich auch Nordamerika und Australien.

Es gibt aber meines Wissens keine nennenswerte globale Auseinandersetzung mit dem Thema, während es überall in lokalen, regionalen und nationalen Wahlkämpfen oft wahlentscheidend ist: Tony Abbott gewann in Australien mit seiner ‚No Way‘-Politik die Parlamentswahlen und setzt sie seitdem brutal um.


Donald Trump liegt in den USA wahrscheinlich auch deswegen so meilenweit in den Umfragen vor allen anderen republikanischen Präsidentschaftsbewerbern, weil er rassistisch über die Mexikaner herzieht und verspricht, eine Mauer entlang der ganzen Grenze zu bauen, notfalls mit seinem eigenen Geld, weil er nämlich sehr reich ist. 

Die Welt im Monat Juli
Grenzzaun zwischen Arizona und Mexico

Überall werden Mauern gebaut. Konsequent weiter fantasiert: steuern wir auf eine globalisierte Welt zu, die aus von Mauern und Sicherheitszäunen umgebene ‚Grüne Zonen‘ und dem Rest der verdammten Menschheit besteht? Glaubt irgendjemand im Ernst, dass sowas funktionieren kann?

Zeitlich

Wir hören zwar immer wieder in den Nachrichten, dass in absehbarer Zeit nicht  mit einer Abnahme der Flüchtlingszahlen zu rechnen ist, sondern dass diese weiter steigen werden.


Mehr gibt es darüber anscheinend nicht zu sagen.

Wir gehen damit um wie mit dem Wetter: es zog herauf, jetzt ist es da, und irgendwann verzieht es sich wieder.


Tut es aber nicht. Ich habe noch keine ernstzunehmende Argumentation gehört, die einen Rückgang in der Anzahl der Menschen, die vor unerträglichen Lebensbedingungen in der Dritten Welt fliehen, plausibel erscheinen ließ. Im Gegenteil.


Auch hier jedoch derselbe Reflex wie in örtlicher Hinsicht: Augen so lange wie möglich zu, kurz blinzeln, dann so weit weg vom Geschehen wie es irgendwie geht. Vielleicht geschieht ja ein Wunder.

Sprachlich

In schönster Übereinstimmung mit unserer lokalisierenden und gefährlich verharmlosenden Wahrnehmung des Themas steht natürlich unsere Benennung. Die Art und Weise, wie wir etwas in Sprache fassen, ist schicksalhaft dafür, wie wir damit umgehen. Das hatte ich in meinem Artikel 'Kollektive Intelligenz Teil 5' erläutert.


Der Ausdruck, den wir bisher benutzen, um die Bewegungen zu beschreiben, um die es hier geht, ist, aus unserer beschränkten Sicht: ‚Flüchtlingskrise‘. Weil es eben so bei uns aufschlägt.

Die Welt im Monat Juli
S.Hofschläger / pixelio.de

Diese ‚Flüchtlingskrise‘ beginnt ja aber nicht als solche. Ich glaube nicht, dass die Menschen in den Ländern, aus denen sie dann vielleicht fliehen müssen, diesen Begriff benutzen, um ihr Problem zu beschreiben. Sie sind mit ganz anderen Problemen konfrontiert, die so massiv und bedrohlich sind, dass ihnen kein anderer Ausweg bleibt als die Flucht aus ihrer Heimat, um überhaupt am Leben zu bleiben.

Welche aber sind das eigentlich?  Was sind also die Ursachen der Nöte, die die Menschen unter abenteuerlichsten Bedingungen fliehen lassen? Wenn man diese Frage mal ganz unschuldig googelt, stellt man fest, dass da merkwürdigerweise fast gar nichts auftaucht!

 

Einen Artikel fand ich auf der ersten Seite von Google: Frau von der Leyen auf Besuch bei unserer Handvoll Soldaten in Mali, die dort helfen sollen, das nationale Militär zu professionalisieren. So würden Deutschland und Europa einen Beitrag dazu leisten, „dass Menschen nicht mehr fliehen müssen vor Gewalt und Hoffnungslosigkeit“. Hä?

 

In Wirklichkeit, so mein Verdacht, sind Gewalt, Hoffnungslosigkeit und die Flucht vor all diesen Dingen Folgen tieferer und globaler Ursachen, die unter anderem mit dem Erschöpfen der Wasservorräte, dem Klimawandel und nicht zuletzt einer Weltwirtschaftsordnung zu tun haben, die unseren westlichen Konsum von Wirtschaftsgütern unterstützt, welche die Ressourcen der Dritten Welt ausbeuten und vernichten.

 

Wir im Westen, hinter unseren Zäunen und Mauern, sind also ganz maßgeblich die Täter der Verhältnisse, vor denen die Menschen dort jetzt zu uns fliehen.


Und jetzt haben wir eine ‚Flüchtlingskrise‘ vor Ort.

 

Ich bin dankbar für jeden Versuch, die Ursachen der neuen Völkerwanderung so zu benennen, dass intelligentere Maßnahmen möglich werden als die, Schlepperboote vor der libyschen Küste zu versenken.

 

Vielleicht ist die Krise ja die unseres Lebensstils?


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