Die Welt im Monat Oktober: COP 21

von Rainer Molzahn

Die Welt im Monat Oktober

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Das voraussagbar größte Ereignis dieses Jahres wird die Weltklimakonferenz (genauer: die UNFCCC COP21) vom 30.11. bis zum 11.12. in Paris sein.

 

Das größte Ereignis deswegen, weil der gesamte Erdball und alle die ihn bevölkern die Folgen dieses Klimagipfels zu spüren bekommen werden. Ich schreibe schon heute darüber, weil im abgelaufenen Oktober noch wichtige Vorbereitungsaktivitäten stattfanden, und weil jetzt noch Zeit ist, so viele von uns wie irgend möglich aufzurufen, unsere Stimmen dort zu Gehör zu bringen. Damit unsere Vertreter dort, was auch immer sie miteinander zustande bringen werden, wissen, dass wir große Ohren haben, und laute Stimmen.

Die Geschichte bis hierher

Die UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change), also eine Art Rahmenvereinbarung von 195 Mitgliedsstaaten zum Umgang mit den Folgen des menschengemachten Klimawandels, wurde 1992 unterschrieben und ist seit 1994 in Kraft.

Teil der Konvention ist die Verabredung, sich einmal jährlich zu einer Konferenz zu treffen. Dieses Jahr findet die einundzwanzigste statt, daher COP21.


Die bekannteste und folgenreichste war die Konferenz in Kyoto 1997. Auf ihr wurde das ‚Kyoto-Protokoll‘ beschlossen, das völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhaus in den Industrieländern festlegte und u.a. den umstrittenen Emissionshandel ermöglichte. Es dauerte bis 2011, bevor das Kyoto-Protokoll von 191 Mitgliedsländern ratifiziert wurde. Die USA traten nie bei, Kanada stieg 2011 aus. 


Die enttäuschendste, weil unverbindlichste, war die Klimakonferenz in Kopenhagen 2009. 16500 Teilnehmer brachten in 11 Tagen nicht mehr zustande als einen völkerrechtlich unverbindlichen Minimalkonsens, eine lauwarme Empfehlung mit dem Ziel, die Erderwärmung auf möglichst weniger als 2 Grad zu begrenzen. Einer der Gründe für das erbärmliche Scheitern lag darin, dass die Industrieländer die sogenannten Entwicklungsländer in verbindliche Vereinbarungen einbeziehen wollten, andere Länder mit hohem Schadstoffausstoß wie Indien und China aber, die nicht von den Regulationen des Kyoto-Protokolls betroffen gewesen waren, das nicht mitmachen wollten.

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Qianan in China, Quelle: dpa

Schwarzer Peter auf dem Rücken der gesamten Schöpfung, nationale Interessen vor gemeinsamer Verantwortung für die Folgen des eigenen Handels.

 

Für die entscheidende nächtliche Sitzung der wichtigsten Regierungschefs erschien der chinesische Premierminister nicht einmal mehr.

 

Er ließ sich durch einen Beamten vertreten, der ihn ab und zu über Handy auf den Laufenden hielt. Ich persönlich begrub damals jede ernsthafte Hoffnung, dass die Erderwärmung sich noch auf 2 Grad begrenzen ließe – und viele andere mit mir.

 

2015 wird den vorläufigen Rekord halten für das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen.

Und jetzt: Paris

Eigentlich ist es schon 5 nach zwölf, aber trotzdem: COP21 wird allgemein als die allerletzte Chance der Nationen angesehen, in der Nachfolge von Kyoto eine verbindliche Klimaschutz-Vereinbarung zu erzielen. Unsere globalen Ältesten vom Dalai Lama bis zum Papst haben sich mit beschwörenden Worten an uns alle gerichtet, unsere Verantwortung gegenüber unserem Planeten endlich wahrzunehmen.


Und es gibt sogar kleine Lichtblicke: Mitte Oktober fand in Rabat das INDC-Forum statt, eingeladen hatten die EU und Marokko. Dort wurden in Vorbereitung von Paris die ‚beabsichtigten national determinierten Beiträge‘ (Intended Nationally Determined Contributions) von immerhin 147 Staaten ausgewertet. 

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Diese Staaten verursachen gemeinsam 86% Treibhausgas-Emissionen. Die gute Nachricht: Noch nie gelang es, so viele Nationen zu beteiligen, und die Wahrscheinlichkeit, dass es fast alle werden, ist gestiegen. Die schlechte: Das „Ambitionsniveau“ ist zu niedrig – sprich: das reicht nicht. Bei weitem nicht. Würden die jetzt vorliegenden Absichtserklärungen tatsächlich umgesetzt, liefe das immer noch auf einen Temperaturanstieg von geschätzt 2,7 – 3,5 Grad hinaus. 

Prüfstand unserer kollektiven Intelligenz

Die Pariser Klimakonferenz, so viel ist klar, wird zum entscheidenden Prüfstand unserer gemeinschaftlichen Intelligenz – oder unserer aller Dummheit.


Ich habe in einer anderen Blogreihe das Thema 'kollektive Intelligenz' begonnen durchzubuchstabieren, und einer der Gründe, aus denen ich dieses Thema so brisant finde, ist die Frage, ob wir unser Leben und Wirtschaften auf der Erde rechtzeitig so verändern können, dass nicht noch viel grundlegendere Änderungen unserer Lebensweise notwendig werden, um überhaupt zu überleben – und zwar schneller als wir denken.


Kollektive Intelligenz fängt damit an, gemeinsam den Tatsachen ins Auge zu blicken. Die liegen neben dem unwiderlegbaren, aber lokalen Augenschein vor allem als Daten und Zahlen vor. In den vergangenen Wochen sind wir von Nachrichten schockiert worden, dass zum Beispiel VW seine Abgaswerte deutlich heruntergerechnet hat. 

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Menschen mit Masken in China, Quelle: reuters

 

Während ich diesen Blog schreibe, schockiert mich die Nachricht, dass Chinas Zahlen zum nationalen Schadstoffausstoß um sage und schreibe 17% zu niedrig angegeben werden. Das entspricht den gesamten Jahresemissionen von Deutschland!

 

 

Es ist wahrscheinlich nicht verwegen, zu mutmaßen, dass die Zahlen und Daten, die die Beteiligten an unseren Klimakonferenzen vorliegen, insgesamt eher konservativ gerechnet sind. Man will ja nicht schlecht auffallen, dann kann man in Ruhe so weitermachen …

Kollektive Intelligenz geht weiter mit der Benennung der Tatsachen. Es hat ein halbes Jahrhundert gedauert, bevor sich die internationale Gemeinschaft überhaupt darauf geeinigt hat, von ‚Klimawechsel/Climate Change‘ zu sprechen.

 

Solange etwas keinen Namen hat, ist es nämlich nicht real. Und so richtig angekommen ist die Realität ja immer noch nicht allerorten. Vor einiger Zeit warf ein US-amerikanischer Senator einen Schneeball ins Plenum (siehe Video unten) , um ein für alle Mal klar zu machen, dass der Klimawechsel eine Falschmeldung ist.

 

Dabei ist es doch so, dass selbst der Begriff ‚Klimawechsel‘ noch eine verharmlosende Verkleinerungsform dessen darstellt, was sich auf unserem Planeten abspielt, als Rückwirkung unseres Tuns. Realistischer wäre es sicher, von einer ‚globalen Vernichtung unserer Lebensgrundlagen‘ zu sprechen.

Die Lautstärke erhöhen

Was können wir tun, um die kollektive Intelligenz unserer Repräsentanten in Paris zu befördern? Amplifizieren. Lauter werden und sichtbarer. Das Feuer anfachen.


Es gibt überall Demos und Aktionen und Sternmärsche und Veranstaltungen und Petitionen und und und. Unseren Vertretern klar machen, dass wir ein Scheitern der Konferenz nicht hinnehmen und sie eventuell kurzfristig entlassen müssen.


Vielleicht würde in dem Fall ja größerer Nutzen durch allgemeines zuhause Bleiben und Nichtstun gestiftet. Die 16500 Teilnehmer von Kopenhagen stießen genauso viel CO2 aus wie die nordenglische Großstadt Middlesbrough im selben Zeitraum. 


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