Transformatives Lernen - Teil 8

von Peggy Kammer

Transformatives Lernen Teil 8
Peg van Lou

Heute gibt es einen Überblick zum Prozess der Veränderung. 

 

Bei allen Irrungen und Wirrungen, die uns während einer Krise ereilen, liegt hinter allem ein verlässliches Muster, wie transformatives Lernen abläuft und wie wir da durchkommen: 

5 Grenzen, 5 Pforten.  

 

In Teil 5 und Teil 6 unserer Reihe scheinen die Etappen eines Veränderungsprozesses bereits durch. 

 

Diesmal wollen wir aus einer Meta-Perspektive auf die einzelnen Phasen schauen und erkunden, was uns da jeweils erwartet und worum es geht.

Das 5-Grenzen-Prozessmodell

Der 5-Grenzen-Prozess ist ein Modell für alles, was passiert zwischen "wir nehmen etwas wahr" und "wir handeln". Rainer und Elke haben dieses Muster aufgespürt und beschrieben in ihrem Buch "Die heiligen Kühe und die Wölfe des Wandels".

 

Die fünf Grenzen sind Haltepunkte zum Verlangsamen, wenn wir uns wandeln (wollen oder müssen). An jeder Grenze gilt es, den passenden Schlüssel für die Pforte zu finden, um weiterzukommen. 

 

Das Herausfordernde bei der bewussten Anwendung des Musters der fünf Grenzen ist, dass der Prozess fast in Lichtgeschwindigkeit ständig abläuft und es gleichzeitig die Etappen in langfristigen Veränderungen beschreibt. Alles ist miteinander verwoben und dreht Schleifen. 

 

Ein Beispiel für einen 5-Grenzen-Prozess in Lichtgeschwindigkeit:

Ich nehme wahr, dass meine Nase kribbelt. Ich weiß, dass ich gleich niesen muss. Ich möchte mein Gegenüber nicht anschnupfen. Ich würde mich schämen, wenn dies passieren würde. Ich nehme ein Taschentuch. 

 

Wenn wir an jeder Grenze erst lange innere Verhandlungen führen müssten, wäre es zu spät. 

So laufen alle Prozesse von der Wahrnehmung bis zum Handeln - meist unbewusst, also ohne, dass wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken müssten.

 

Manchmal kommt aber der Prozess ins Stocken.

Das deutlichste Zeichen dafür ist: Wir sind handlungsunfähig. Wir wissen nicht, was wir machen sollen. Das passiert uns immer dann, wenn wir vor einer Frage, Aufgabe, Herausforderung stehen, mit der wir erstmal nichts anfangen können. Es ist uns unbekannt - deshalb können wir nicht blindlinks einen abgespeicherten Modus abspulen. 

 

Wenn wir aufgerufen sind, eine neue Antwort zu finden auf etwas, was uns passiert, wenn wir darin gefordert sind, transformativ zu lernen, dann hilft nur Verlangsamen. Ganz von vorn und ganz in Ruhe die 5 Etappen durchlaufen.

5 Grenzen und 5 Pforten

1 Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung, das ist die allererste Grenze, ist meist weniger sensibel und klar, wie wir uns das gern wünschen würden. 

Transformatives Lernen Teil 8
Markus Vogelbacher / pixelio.de

Wir haben Dinge zu tun, Ziele zu erreichen, sind identifiziert mit speziellen Interessen, haben unsere Annahmen über uns und die Welt und so weiter. 

Bis die Daten, die uns zu einer Veränderung aufrufen, wirklich unser Bewusstsein erreichen, können manchmal Jahre vergehen, gerade wenn der Grenzzaun um das Heimatgrundstück unserer Identität sehr hoch ist.

 

 

Die Daten kommen aus dem Außen oder/und aus unserem Inneren (siehe Teil 5).

Was wir aus ihnen machen - oder eben auch (noch) nicht - hängt davon ab, wie wach wir sind, ob wir überhaupt etwas merken und dann auch, ob wir das, was passiert, irgendwie mit uns in Verbindung bringen.

Information

Wenn die Signale so stark sind, dass wir sie nicht mehr verleugnen können, stehen wir vor der 2. Grenze. An dieser sind wir aufgefordert, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was uns in Schwierigkeiten bringt. Noch verstehen wir nicht, wozu uns die Störung aufruft und in welcher Beziehung sie zu unserem Denken und Handeln steht.      

Transformatives Lernen Teil 8
S. Hofschläger / pixelio.de

 

Die 2. Grenze ist die Grenze gegen die Information. Der Akt des Benennens ist wie eine Geburt. Etwas ist, weil gesagt, in der Welt und kann nun betrachtet und entfaltet werden.

 

Der Name, den wir wählen, entscheidet darüber, wie es weitergeht mit der Information.

 

 

Beschäftigen wir uns überhaupt tiefer damit, wo suchen wir nach Antworten, welche Erklärungsmodelle greifen wir uns? Die Benennung ist also schicksalhaft für den weiteren Weg. Deshalb ist es hier besonders sinnlos, schnell weiter zu hetzen, um „das Ding ohne Namen“ zu lösen.

Bedeutung

Wenn wir soweit sind, anzuerkennen, dass das, was uns zustößt, etwas mit uns zu tun hat, stellt sich als nächstes die Frage, welche Bedeutung die Störung für uns hat. Wozu fordert sie uns heraus? Wenn uns das klar wird, kommen wir an die nächste Grenze. 

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Thomas Nestke / pixelio.de

Wenn die Kerninformation herausgeschält ist, stehen wir an der Grenze 3: die Grenze gegen die Bedeutung.

 

Und spätestens jetzt wird es ernst.

Wenn die Information uns aufruft, tatsächlich etwas zu verändern, kommt unsere innere Vielfalt ins Spiel.

 

Nicht nur verschiedene, sondern meist auch noch gegensätzliche Stimmen in uns, können eine Entscheidung, was wir tun sollten, schwer machen. Was eine Information für uns in einem Kontext wirklich bedeutet, kann manchmal zu einem „oh je“ oder „das geht doch nicht“ führen.

Identität

Wenn die Bedeutung uns an die Grenze dessen führt, womit wir uns identifizieren, sind wir an Grenze 4: die Grenze gegen die Veränderung des Selbstkonzepts.

Transformatives Lernen Teil 8
Peg van Lou

Jetzt wird es wirklich heiß, denn nun geht es um uns.

An dieser Grenze begegnen wir uns selbst. Indem wir wahrnehmen, wie wir im Hier und Jetzt auf das reagieren, was uns zustößt, werden uns unsere Überzeugungen, Glaubenssätze und Werthaltungen bewusst. 

 

Nun sind wir nicht ständig aufgerufen, unsere Definition davon, wer wir sind, zu verändern. Das würden wir gar nicht schaffen, schon rein zeitlich. Manchmal reicht es, das eigene Verhalten zu modifizieren, neue Kompetenzen zu entwickeln oder überholte Glaubenssätze über Bord zu werfen. In diesen Fällen geht die Grenze 4 fast butterweich und wir können schnell wieder handeln.

 

Wenn wir aber im Kern unserer Identität - was gehört zu uns, was nicht – berührt sind, wenn es um die Frage geht: Wer erlaube ich mir zu sein?....  Dann ist die Zeit für eine Transformation gekommen.

Hier wartet dann ein großes Forschungsfeld auf uns. Wir erkunden unsere Geschichte, wie wir zu dem oder der geworden sind, der oder die wir (bislang) sind. Und wir begegnen unserem größten Widersacher, dem inneren Kritiker. Das ist eine anspruchsvolle Grenze, weil sie mit unserer Identität auch unsere Zugehörigkeit erschüttert.

Handeln

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Daniela B. / pixelio.de

Wenn die 4. Grenze gemeistert ist, wird alles leicht. Könnte man meinen.

 

Gestärkt und voller Tatendrang wollen wir nun zurück in die Welt und die 5. Grenze, die Grenze gegen das Handeln, meistern. 

 

An Grenze 5 stehen wir vor der Notwendigkeit, die Konsequenzen zu ziehen, die sich aus unserem Erkenntnisprozess ergeben.

 

 

 

Wir sind aufgerufen, tatsächlich anders zu handeln und unsere Erfahrungen zu teilen. 

 

Damit bringen wir unser Umfeld an eine Grenze. Wir werden "anders" wahrgenommen und unser neues Handeln stößt auf Unverständnis, erzeugt Irritationen und wir ernten Kritik.


Das ist die Etappe im Prozess, an der wir mit der Wirkung auf unser Tun konfrontiert werden. Und das ist saftig. 

Worum geht es an den 5 Pforten?


Die Pforte der Wahrnehmung: hingucken

Die Pforte der Information: erforschen

Die Pforte der Bedeutung: bewerten

Die Pforte des Ich: entscheiden

Die Pforte des Handelns: beeinflussen

Übung

Für deinen Prozess sollen dir die folgenden 7 + 1 Fragen Schützenhilfe leisten:

Transformatives Lernen Teil 8
Uta Herbert / pixelio.de
  • Was genau passiert gerade in deinem Leben?
  • Womit bist du zufrieden?
  • Womit bist du unzufrieden?
  • Was begeistert dich? 
  • Was bedrückt dich?
  • Was fehlt dir?
  • Welche Ideen zur Lösung fallen dir ein? Schreibe sie alle auf.

 

 

Wenn du deine Ideen aufgeschrieben und nochmal langsam gelesen und detailliert vor deinem inneren Auge durchgespielt hast ... zerreiß das Blatt und schmeiss es weg.

 

Wofür ist jetzt Platz?


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