Aufklärung im 21. Jahrhundert: Sapere aude! - oder: Das ewige Ringen um den eigenen Verstand

von Julian Gebhard

Aufklärung im 21. Jahrhundert

"Sapere aude!"

So lautet der Leitspruch der Aufklärung

 

Selten wurde die zentrale Stoßrichtung einer philosophischen Strömung so kurz und knapp auf den Punkt gebracht wie Immanuel Kant es in seinem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ tut. 

Was ist Aufklärung im 21. Jahrhundert? 

Guter Kant - böser Kant

In der Regel wird die Sentenz von "Sapere aude!" mit „Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ übersetzt. Zugegeben, die Übersetzung ist recht frei.

 

Die beiden Wörter sind Zitate aus einem Gedicht Horaz‘ und können genauso gut „Wage es, zu wissen!“ oder „Trau dich, weise zu sein“ bedeuten. Später mehr dazu.

 

Den Text hat eigentlich jeder Europäer das ein oder andere Mal in seinem Leben gelesen 

– oder sollte es zumindest. Was in ihm gefordert wird, ist so einflussreich wie emblematisch für den Gesinnungswandel des Abendlandes am Ende der frühen Neuzeit.

 

Das macht Kant jetzt zu alles anderem als einen Heiligen. Im selben Text stehen Dinge, etwa über die leider doch so vernunftunbegabten Frauen oder die barbarischen Muselmänner, bei denen heutigen Lesern die Haare zu Berge stehen.

 

Eine Kant Vorlesung an der HU Berlin musste vor einigen Semestern sogar aufgrund andauernder studentischer Empörung über diese und andere Aussagen Kants abgebrochen werden (mehr darüber lesen).

Die Gefahr des eigenen Denkens

Dem philosophischem und wissenschaftlichen Diskurs hilft lautstarker Protest aber kaum – die Kritiker dachten aber wohl sie verhielten sich jedoch genau im Geiste der Aufklärung: Der Mensch solle sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien.

 

Unmündig  ist der Mensch, weil er sich sein Denken von Autoritäten wie dem Staat oder der Kirche vorgeben lässt, statt den eigenen Verstand an Stelle von Dogmen und vorgegebenen Denkmustern zu setzen.

 

Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit weil es an jedem Einzelnen selbst, und an sonst keinem, liegt, sich zu emanzipieren. Es gibt keinen Retter, keinen Lichtbringer.

Wer auf sie wartet, ist selbst schuld an der eignen Naivität und Ahnungslosigkeit.

 

So oder so ähnlich wird gewöhnlich präzisiert, was es bedeuten sollte, den Gebrauch des eigenen Verstandes zu wagen. 

Und „wagen“ ist hier das richtige Wort.

Vor 250 Jahren war es alles andere als selbstverständlich, für den selbst erdachten Standpunkt nicht von der Kirche denunziert zu werden oder im nächsten preußischen Gefängnis zu landen.

 

Zugegeben: die repressivsten Zustände traten im Abendland erst nach der Zeit Kants oder Hegels auf. Die Polizeistaaten des Vormärzes, die Gestapo oder die Stasi stellten sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer Brutalität alles in den Schatten, was Kants Königsberger Alltag schwer machen konnte.

 

 

Es ist jedoch vielleicht besser, diese Regime als Symptome und nicht als Essenz dessen anzusehen, was sich im 18. Jahrhundert in Kaffeehäusern und Universitäten breitmachte. Denn anscheinend war es in späteren Jahrzehnten überhaupt erst nötig, die repressivsten Unterdrückungssysteme der Geschichte zu schaffen - in der verzweifelten Hoffnung wieder einzudämmen, was Könige, wie Friedrich II. in Form Voltaires, noch ahnungslos hofiert hatten: selbständig und kritisch denkende Menschen.  

Heutzutage muss sich glücklicherweise niemand mehr für seinen Freigeist rechtfertigen und befürchten blaue Flecken, Knochenbrüche oder Schlimmeres von den Behörden dafür zu kassieren – zumindest nicht in so einer direkten Weise. Das heißt nicht, dass es Kritiker und Freidenker einfach hätten,  oder dass ihnen keine Opposition entgegen käme.  Weit gefehlt.

 

Aber die Wege auf denen dies passiert sind – meistens - subtiler und perfider als Polizeikommandos um 4:00 morgens und Schieß-Kommandos bei Sonnenaufgang.

 

Nur ein Beispiel: Zeitungen und Zeitschriften mussten im Vormärz (Epoche staatlicher Unterdrückung und liberaler Gegenbewegungen nach dem Wiener Kongress 1815 und vor der Revolution 1848) alles, was sie veröffentlichen wollten, an die staatliche Zensur schicken, welche beliebig viele Sätze durchstreichen und ändern durfte. So einfach und offensichtlich geht Kontrolle heute nicht mehr.

 

Man könnte daher vielleicht meinen, die Aufklärung sei angekommen und habe gesiegt. Gewissermaßen lässt sich das so sagen.

 

Jemandem vorzuwerfen, er sei nicht aufgeklärt, ist eine Beleidigung. Sie kommt selten vor, aber das zeigt vielleicht mehr wie selbstverständlich „aufgeklärt sein“ heute ist. Und wenn man einem Land, einem Volk oder einer Person diese geistige Reife absprechen möchte, kommt es vor, zu behaupten, dass dort die „Aufklärung wohl noch keinen Einzug gehalten hat“.

Schwerwiegendes Urteil. 

Aufgeklärt oder erleuchtend?

Aber schießt all das nicht vollkommen am Punkt vorbei?

Aufklärung im 21. Jahrhundert

 

Wie kann man bitte behaupten, Aufklärung sei das kritische Auseinandersetzen mit dogmatischen Weisheiten unter Zuhilfenahme des eigenen Verstandes und gleichzeitig der Meinung sein, man habe einen Zustand erreicht, in dem das geschafft und erreicht sei?

 

Ist da nicht ein Widerspruch? 

Aber in der Tat ist dies genau das Sentiment, welches man zumeist antrifft.

 

Schlimmstenfalls wird über Revalvation und Selbstreflektion überhaupt nicht nachgedacht. In den besseren Fällen sind der Hinweis auf kritisches Denken und logische Argumentation jedoch selbst eigene Dogmen. Wissen ist das vielleicht gerade noch. Weisheit – und darum geht’s Philosophen, den Freunden der Weisheit, ja eigentlich - aber definitiv nicht.

 

Einer der weisesten Einsichten bleibt wohl wahrscheinlich „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ (Eigentlich „Von dem was ich nicht weiß, behaupte ich nicht, es zu wissen.“).

 

Weisheit schottet sich nicht ab von abgefahrener mystischer und magischer Erkenntnis oder geteilten Geschichten. 

 

Will ich also sagen, dass Aufklärung widersprüchlich oder keine lohnende Idee ist?

Auf keinen Fall! Das wäre ja albern.

 

Mal davon abgesehen wäre ich furchtbar enttäuscht, wenn mir jemand bei der Forderung folgen würde - ohne kritisches (aufgeklärtes!) Hinterfragen.

 

Mir ist es hier wichtig deutlich zu machen:

Aufklärung ist kein Zustand ist, sondern ein Prozess.

 

Kritisches Denken und mutiger Gebrauch des eignen Verstandes können nicht als nobel anerkannt werden und deswegen schon vollzogen und gemeistert sein. Man kann gewissermaßen nicht aufgeklärt sein, man kann nur aufklären. 

 

Der englische Begriff für Aufklärung ist Enlightenment. 

Und er gefällt mir ehrlich gesagt besser.

 

Aufklärung impliziert irgendwie, dass man da was machen kann und dann damit fertig ist. So wie man einmal herausfindet, wo die Babys herkommen, und dann weiß man es eben.

 

„Erleuchtung“ sagt bei genauerer Betrachtung aber etwas anderes. Denn eine Kerze, die einen Dunklen Raum erhellt, muss weiter brennen, um nicht wieder von Dunkelheit umgeben zu sein.

 

Wer aber denkt er ist aufgeklärt … braucht dringend Aufklärung!


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