Was haben Gefühle mit kollektiver Intelligenz zu tun?

von Rainer Molzahn

Was haben Gefühle mit kollektiver Intelligenz zu tun?

 

"Lasst uns auf der Sachebene diskutieren und die Emotionen draußen lassen."

 

Schon mal gehört? Bestimmt.

 

Eine der vielen nicht-intelligenten Aussagen in Gruppen, oh je.

 

 

Informationen sind das Eine ...

Kollektive Intelligenz ist in aller Munde. Wenn das Konzept zur Sprache kommt, denken die meisten von uns erstmal an Schwarmintelligenz: wie kriegen tausende von Ameisen es hin, intelligent zu handeln, auch wenn der IQ jeder einzelnen Ameise klein ist? Oder man denkt zuerst an Ansätze des Crowd-Sourcing in der IT: wie kriegen tausende von Entwicklern es hin, gemeinsam eine schlaue Software zu erarbeiten, obgleich (oder evtl. weil) es kaum definierte Verantwortlichkeiten, Rollenbeschreibungen und Schnittstellen gibt? 

 

Beide Phänomene kollektiver Intelligenz, die biologische und die technologische, basieren auf dem Austausch und dem Prozessieren von Informationen. Wenn wir die Frage, wie eine Gruppe klüger sein kann als die einzelnen Mitglieder, aber auf unsere normalen Welten des Miteinanders von Menschen beziehen, kommen wir mit einem Verständnis, das sich allein auf die Informationsebene gründet, nicht sehr weit. Außerdem machen wir auch oft die Erfahrung, dass Gruppen durchaus nicht immer klüger handeln als Einzelne, manchmal sogar krass dümmer.

... ein gemeinsames Verständnis der Bedeutung das Andere

Ich habe an anderer Stelle definiert: Kollektive Intelligenz ist die Klugheit von Entscheidungen, die wir treffen, nachdem wir uns miteinander beraten haben.

 

Das ist etwas, was wir tagtäglich tun, an unseren Arbeitsplätzen und im persönlichen Bereich. Und sicher: kluge Entscheidungen kann man nicht treffen, wenn diese auf unzureichenden oder fehlerhaften Informationen beruhen. Gegenseitige Beratung besteht aber natürlich nicht nur aus dem Austausch von Informationen. Das ist nur der erste Schritt.

 

Das Entscheidende ist, nachdem alle Informationen vorliegen, zu einem gemeinsamen Verständnis davon zu gelangen, was diese Informationen bedeuten, zu welchen Entscheidungen und Handlungen sie also zu führen haben.

 

Es werden wahrscheinlich mehr dumme Entscheidungen getroffen, weil Bedeutungen verkannt werden, als durch das Fehlen von Informationen. Eines Tages wird mich übrigens die ganze Geschichte davon interessieren, wie genau es dem VW-Konzern gelang, die richtig dumme Entscheidung zu treffen, bei den Abgaswerten zu betrügen. Wir leben berüchtigterweise im sogenannten Informationszeitalter. Noch nie standen so vielen von uns so viele Informationen zur Verfügung wie heute. Was diese Informationen an Bedeutung beinhalten, ist aber keineswegs automatisch klar, und, noch schlimmer: für die Erarbeitung von Bedeutung gibt es keine Algorithmen. Man kann es also leider nicht einer Maschine überlassen. Das geht nur mit Menschen, mit den Menschen, die von der Bedeutung der Informationen betroffen sind und deswegen handeln müssen.



Die Qualität der gegenseitigen Beeinflussung

Der Informations-Bedeutungsprozess findet statt in der öffentlichen Arena der Gruppe bzw. Organisation: dann und dort, wo alle, die es angeht, zusammenkommen, um sich zu beraten, was zu tun ist. Er läuft ab als gegenseitiger Beeinflussungsprozess, und die Qualität des Beeinflussens und sich beeinflussen Lassens ist entscheidend für den IQ des gemeinschaftlichen Outputs.

 

Damit rückt die Kultur dieser öffentlichen Arena in den Brennpunkt:

  • lässt sie gegenseitiges Beeinflussen überhaupt zu,
  • werden alle gehört,
  • wie wird versucht zu beeinflussen,
  • wie wird dominiert,
  • wer schweigt  ...  und so weiter.

 

Auch hier wird mich übrigens sehr interessieren, welche Kultur der öffentlichen Arena bei VW es ermöglichte, eine derartig kolossale kollektive Dummheit zu begehen!

 

Den meisten von uns ist die Diskussion als gegenseitiges Beeinflussungsverfahren das vertrauteste. In meiner Alltagserfahrung ist sie durchaus nicht immer in der Lage, kollektive Intelligenz zu generieren, denn sie ist sehr nach dem Gewinner-Verlierer-Muster ausgelegt, und sich beeinflussen zu lassen ist ein Zeichen von Schwäche. Es gibt mittlerweile (und es gab wahrscheinlich schon immer) Gesprächskulturen, die die Schwächen der Diskussion vermeiden und ermöglichen, dass sich ein wesentlich runderes und tieferes Bild von dem, was Bedeutung hat, entfalten kann.

 

Noch ein Gesichtspunkt hier: Bedeutung hat mit Gefühlen zu tun. Immer, wenn wir über irgendetwas Gefühle bekommen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass dieses Etwas bedeutungsvoll ist. Keine Gefühle – keine Bedeutung. Die meisten von uns sind es gewohnt, dass in der öffentlichen Arena Gefühle keinen Platz haben. Wir versuchen, sie zu unterdrücken, damit wir uns nicht verletzlich und angreifbar machen. Ohne die Beteiligung der Gefühle ist aber Bedeutung nicht zu ermitteln. Gefühle sind nicht die Wahrheit, aber sie weisen den Weg zu ihr. Deswegen braucht eine Kultur der öffentlichen Arena, die kollektive Intelligenz ermöglicht, überraschenderweise vor allem einen intelligenten Umgang mit Gefühlen.

Mehr im Workshop

In unserem einführenden Workshop "Gemeinsam klüger" werden wir mit solchen Gesprächsformen experimentieren und erkunden, wie gemeinschaftliche Klugheit in einer Gruppe entstehen kann. Und dann gibt es natürlich noch jede Menge Konzepte und Rezepte, wie eine Kultur der öffentlichen Arena zu schaffen ist, die kluge Informations-Bedeutungsprozesse fördert und fordert.

 

Zum Abschluss gibt es dann eine Werksbesichtigung bei VW (dem voraussichtlichen Gewinner unseres Awards für kollektive Dummheit in diesem Jahr).


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