Nun entwickle dich doch mal! ... Und dann?

von Peggy Kammer

Club of Rome - ein Prozent ist genug

Das Leben ist eine Reise zu dir selbst.

So wird es verkündet.

 

Die eigene Entfaltung, persönliches Wachstum, Arbeiten mit sich selbst, individuelles Lernen ...

 

Sich selbst ent-wickeln.

Wie wäre es, wenn wir diesen Faden weiterverfolgten?

Was passiert dann? - 5 Anregungen zum Durchkommen

Stell dir vor, du wärst diese Rolle Garn

Der Faden besteht aus deinen Erfahrungen und Geschichten, aus deinen Überzeugungen und deinen Talenten, aus deinen Zugehörigkeiten und Aktivitäten. 

 

Immer wenn es nicht mehr ganz rund läuft im Leben hältst du kurz an und schaust dir die letzten Zentimeter deines Fadens an, reflektierst, was gerade nicht stimmt, nimmst kleine Korrekturen vor und nimmst dann deinen Faden wieder auf.

 

In größeren Krisen rollst du vielleicht den letzten Meter aus und musst weiter zurückgehen in der Betrachtung und Bearbeitung. Manchmal schneidest du dieses Stück ab und setzt vielleicht ein neues Stück an, weil du etwas Wesentliches verändert hast.

 

Was aber passiert, wenn du das Garn ganz entwickelst? 

(Und wer ist dann das Garn, wer die Rolle? Und wer ent-wickelt? - Spannende Fragen für ein verregnetes Wochenende oder so.)

Deinen roten Faden spinnen

Der sprichwörtliche "rote Faden" stammt aus der griechischen Mythologie. Prinzessin Ariadne schenkte Theseus den Faden, so dass dieser - nachdem er den Minotaurus besiegt hatte - den Weg aus dem Labyrinth finden konnte. (Merke: Mit Hilfe des roten Fadens findet man immer zum Anfang zurück. Was für ein Glück! ... Und was für ein Geschenk.)

 

Während der Entwicklung tauchen manchmal kleinere Knoten auf, die aufgedröselt werden wollen. Ab und an verfusselt sich der Faden und man braucht Geduld und Zeit, um sich nicht zu verfransen. Und ganz am Ende klebt der Faden an der Rolle fest. 

 

Spätestens dann, meist aber viel früher, rutscht einem das Herz in die Hose. Angst vor dem letzten Schritt, der letzten Konsequenz. Der letzte Ruck ist eben ein Ruck - und kein fließendes Entwickeln und Entfalten mehr.

 

Ein Sprung.

Ein beherztes "Ja!". 

 

Und dann kannst du deinen roten Faden spinnen und alles damit machen, was dein Faden so hergibt. 

 

Das ist das Happy End, die schöne Aussicht. Das Nachher.

 

Vorher: Verwicklung. Nachher: Freiheit.

 

Dazwischen: Entwicklung.

Und ...

 

C.G. Jung schreibt:

 

"Die Entwicklung der Persönlichkeit aus ihren Keimanlagen zur völligen Bewusstheit ist ein Charisma und zugleich ein Fluch: ihre erste Folge ist die bewusste und unvermeidliche Absonderung des Einzelwesens von der Ununterschiedenheit und Unbewusstheit der Herde. Das ist Vereinsamung, und dafür gibt es kein tröstliches Wort. […] Die Entwicklung der Persönlichkeit ist ein solches Glück, dass man es nur teuer bezahlen kann."

 

Mit dem Nichts, der Leere, der Ruhe nach dem Sturm (und vor dem Sturm) haben wir so unsere Probleme. (Weil das Herz eben nicht an seinem Platz, sondern in der Hose ist ... wo es nun wirklich nichts verloren hat.) 

 

Das Schöne am Nichts ist, dass es eben nicht einfach Nichts ist.

Alles ist da - nur nicht mehr in vorgefertigten Formen. Alles kann sein.

Nichts muss. (PS: Beide Bedeutungen dieser Aussage sind wahr.)

Der Grund

Ich will jetzt nicht die "Krise als Chance" zitieren. Während man drin ist, möchte man nämlich alle, die sowas sagen oder schreiben, kräftig verhauen. 

 

Und trotzdem: Jedes Problem, jede kleine oder große Krise, ist ein Aufruf zum Entwickeln des eigenen roten Fadens. Ein Aufruf zum großen und beherzten Ruck. Danach ist nicht alles paletti und störungsfrei. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Man sucht nicht mehr den Grund und stellt alles in Frage. Man war am Grund und nimmt ihn mit

5 Anregungen zum Durchkommen

1) Anerkennen, was ist

Das ist sozusagen die goldene Regel. REALITÄT. Ohne Bewertung, ohne Suche nach einer Lösung oder Veränderung. Nackige Daten und Fakten haben zu unrecht einen schlechten Ruf. 

Die Herausforderung besteht darin, die Daten wirklich auszuziehen und Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. 

 

2) Einsam sein

Im Trubel des Alltags, im Kontakt mit anderen Menschen verschwurbelt der eigene Faden oft mit denen der anderen. Deshalb ist das Allein-sein-Können so wichtig. Sich mit sich selbst konfrontieren - ohne Ablenkung, ohne Ziel, ohne vermeintliche Verpflichtungen und Loyalitäten.

 

3) Auf den Grund gehen (danach wird es nicht mehr schlimmer)

Dort wartet schon immer eine Frage, die Ruck-Frage: Was ist deine größte Angst? 

Die Angst, die dich lähmt, dich fesselt, dich nicht lebendig sein lässt. Die Angst vor der letzten Konsequenz. 

 

4) Verlangsamen 

Du brauchst Zeit zum Entfalten, Entdecken, Erkunden. Leg alte Muster und Anleitungen beiseite und experimentiere damit, was du alles mit deinem roten Faden machen könntest. Tanze zwischen der Ruck-Frage und den lebendigen Möglichkeiten hin und her. 

 

5) Verbündete suchen

Einen Teil des Weges muss man allein gehen. Für die anderen Wegstrecken kannst du Verbündete finden, mit denen du dein Erleben teilen kannst und die dich ermutigen, weiter zu machen (wie zum Beispiel wir im Wandelforum).

Und dann?

Die Ent-Wicklung tut natürlich dir selbst gut. Du kannst atmen, hast deine Verwicklungen aufgelöst. Das Wunderbare ist, dass du dann deinen Faden nehmen und ihn in (d)eine Gemeinschaft tragen kannst - du kannst deinen Faden beitragen.

 

Und daraus - um die Faden-Metapher jetzt noch mal richtig auszureizen - kannst du mit anderen Menschen einen hübschen Teppich weben. Und da dürfen auch noch Knötchen drin sein. Das macht es spannender.

Happy End. Für alle.

Tusch!


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Kommentare: 4
  • #1

    Anne (Montag, 03 Oktober 2016 16:19)

    Danke!

  • #2

    Friede (Freitag, 14 Oktober 2016 09:55)

    "Man war am Grund und nimmt ihn mit" - ein wunderbarer Satz und schöne Zeilen für meine - Auszeit -
    Hvala!

  • #3

    Frau Iggemeier (Montag, 17 Oktober 2016 10:41)

    Ein toller Artikel

  • #4

    Peggy (Mittwoch, 19 Oktober 2016 08:02)

    Liebe Anne, Friede und Frau Iggemeier,
    danke für eure Resonanzen ... und viel Spass beim Wandeln.
    Herzlichst, Peggy