Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser: Chinas Sozialkreditsystem - Teil 1

von Julian Gebhard

Kontrolle ist gut - Ächtung ist besser: Chinas Sozialkreditsystem

 

"The Circle" ist Science-Fiction. 

Noch.

 

Chinas Regierung hat den Roman wohl sehr geneigt zur Kenntnis genommen. Sie plant ein System, das weit darüber hinaus gehen soll.

 

Wenn aus Science-Fiction Wirklichkeit wird. 

"The Circle"

Dieses Jahr habe ich Dave Eggers' „The Circle“ gelesen. Das ist ein Roman, der in der nahen Zukunft spielt und dem Dystopie-Genre ein neues Gesicht gibt. Trotz mittelmäßiger Rezensionen war der Titel erfolgreich genug, um 2017 eine Verfilmung mit Tom Hanks und Emma Watson zu bekommen. 

 

In „The Circle“ hat ein Unternehmen, namensgebender Circle, alle sozialen, Handy- und Betriebsnetzwerke der Welt in sich vereint und in ein kohärentes System gepresst. Das alles geschieht unter einer immer extremer werdenden Ideologie, die schließlich zum Schluss kommt, dass alle Geheimnisse im Prinzip nur noch nicht erzählte Lügen sind.

 

Die Folgen daraus sind zweischneidig. Einerseits ermöglichen die technischen Innovationen eine bessere Rechenschaftspflicht von Politikern und Polizei. Anderseits zwingt der soziale Druck der Bewegung Leute, alles über sich offen zu legen - ob sie wollen oder nicht.

 

Ob die Menschen dafür überhaupt bereit sind, wird zunehmend außer Acht gelassen.

„Hast du etwa etwas zu verbergen?“ Ist das neue „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“

 

Wenn man nach dem Genre von „The Circle“ schaut, wird es als Science Fiction geführt. Viele Kritiker des Buches haben angeführt, dass der gesamte Wandel im Roman zu abrissartig passiert und die Entwicklungen oft unglaubwürdig erscheinen.

Sicher würde es mehr Widerstand aus der Bevölkerung geben, nicht?

Vielleicht. Die chinesische Regierung ist jedoch im Begriff ein ähnliches System wie in „The Circle“ einzuführen. In der echten Welt. Eventuell schon ab 2020. Der Unterschied zwischen Dichtung und Wirklichkeit? Chinas System wird noch weit schleichender und heimtückischer sein als die Romanvorlage. Bisher befinden sich die Projekte dazu – es gibt aktuell 8 – in der Probephase.

 

Die kommunistische Partei hat Firmen beauftragt, für die Datenfülle von rund 700 Millionen internetnutzenden Menschen eine nutzbarere Methode der Datengewinnung zu programmieren. Das vielversprechendste System hierbei heißt Sesame Credit und wird von Tencent entwickelt.

 

Tencent ist dabei eine offensichtliche Wahl. Der Firma gehören schon die größten sozialen Netzwerke, sowie Ali Baba, die chinesische Amazon-Variante. Darüber hinaus ist Tencent Eigner von Riot Games, einem Videospiel-Entwickler. Vielen wird dieser letzte Name nichts sagen. Riot Games sind jedoch die Entwickler von „League of Legends“, einem der mit Abstand am häufigsten gespielten Spiele weltweit – eigene Meisterschaften mit Millionenpublikum und -Preisgeldern.

 

Die also.

Merken, wird noch wichtig.

Was ist aber überhaupt ein Sozialkreditsystem?

Einfach gesagt: Etwas ähnliches wie ein monetäres Kreditsystem. Statt der Zahlungsfähigkeit einer Person wird jedoch angegeben, wie gut sie sich als Staatsbürger verhält.

 

Es bewertet jede Person nach ihrer Qualität als Bürger. 

Und das ist eine der unheimlichsten Vorstellungen gesellschaftlichen Wandels, die ich mir vorstellen kann.

 

Wenn es jemand irgendwie schafft, ein Sozialkreditsystem-Kostüm für Halloween zu basteln: Bitte ein Foto (mit Warnung im Betreff!) an:  kontakt@wandelforum.de 

Danke.

 

Jeder Bürger erhält also eine Bewertungszahl. Wie er sich nun öffentlich und privat verhält, erhöht oder senkt diese Zahl. Teilt, liked man staatskritische Artikel oder importiert man Ware aus dem Ausland, verliert man Punkte. Lässt man allerdings durchscheinen, wie gern man staatseigene Medien liest und wie man sich auch sonst parteitreu verhält, steigt der Wert. 

 

Laut Rechtfertigung der Partei dient das Sozialkreditsystem dazu, die Gesellschaft endlich in die utopische Harmonie zu verwandeln, von der Mao, Marx und Lenin immer geträumt haben. So sollen etwa Leute bestraft werden, die ihre Schulden nicht rechtzeitig zahlen, sich nicht um ihre alternden Eltern kümmern (ein häufiges Problem in China) oder Bestechungsgelder annehmen und zahlen. 

Credit Sesame Election Report
Quelle: creditsesame.com

Kreditscores für das Verhalten als Bürger

Die Vor- und Nachteile für Leute mit respektive hohen und niedrigen Kreditscores sind vielfältig. Vorbildlichen Bürgern wird etwa vereinfachter Eintritt und Aufstieg in der Partei ermöglicht. Sie können weiterhin beispielsweise einfacher Kredite aufnehmen und erhalten leichter Reisepapiere. Bei niedrigem Sozialkredit wird all dies erschwert. 

 

Es lassen sich zahllose weitere Belohnungen und Bestrafungen finden. Zum Beispiel könnten Arbeitgeber Einstellungen an bestimmte Mindestwerte koppeln oder Mitarbeiter mit hohem Sozialkredit besser entlohnen. Niedrig Platzierten könnte das Internet gedrosselt oder abgestellt werden. Kurz: Alle möglichen Schikanen und Leckerbissen, die das Volk gleichschalten sollen, sind denkbar. 

 

Brillant sind dabei viele Aspekte. Etwa, dass viele der Konsequenzen subtil ausfallen können. Sobald der Sozialkredit fällt, sinkt auch gleichzeitig der Lebensstandard. Ganz ohne einen Staatsbeamten, der all diese Einschränkungen verhängen muss und der eventuell bestochen werden könnte. Stattdessen gibt es zahlreiche Beziehungen, in denen das Leben erschwert wird.

 

Auch kann der Sozialkredit viel mit positiver Stimulierung arbeiten. Da auf der Gegenseite der ganzen Einschränkungen lohnende Erleichterungen im Alltag stehen, wirkt das ganze System längst nicht so drakonisch und böswillig wie andere Werkzeuge totalitärer Kontrollausübung. Ganz im Gegenteil: Es lässt sich als Katalysator der Kulturrevolution stilisieren, das den Menschen hilft, einer Utopie Schritt für Schritt, Punkt für Punkt näher zu kommen.

 

Gamification, „Spielifizierung“,  ist ein Begriff, der diesen Handgriff im englischen Sprachraum bezeichnet. Aus dem Staatsbürger-Dasein wird eine Art Spiel mit Highscore und freischaltbaren Errungenschaften. Solche Mechaniken, richtig kalibriert, verleiten leicht dazu, immer mehr freizuschalten. Werden Anreize wie diese in Videospielen benutzt, um mehr Geld und Zeit aus Spielern herauszubekommen, so sollen Leute hier darauf konditioniert werden, sich der Staatsmacht anzupassen.

 

Für den Besitzer von Riot Games sollte das keine allzu große Herausforderung sein.

(Gemerkt wer das ist? Ja? Top!)

So weit, so schlimm

Vom hinterlistigsten, perfidesten und gleichzeitig  cleversten Aspekt von Programmen wie Sesame Credit habe ich aber noch gar nicht berichtet ... 

 

... mehr dann nächste Woche in Teil 2.


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