2022 - Von ZWEIfeln, ZWIEtracht und ZWEIsamkeit

von Thomas Böhme

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Das Jahresende nutze ich immer gern, um das Jahr Revue passieren zu lassen, aber auch, um nach vorn zu blicken. 

 

Das Jahr 2021 war in jeder Hinsicht besonders und ein großer Kontrast zu 2020. Waren im Vorjahr noch alle mit dem gleichen Problem konfrontiert und saßen – metaphorisch betrachtet – im gleichen Boot, sieht es jetzt so aus, als schwämmen ganz viele einzelne Boote umher, die sich gegenseitig (noch) mit dem Ruder vom anderen Boot abstoßen, aber verbal schon mal mit den Rudern aufeinander einprügeln. 

 

Dabei schien das Frühjahr 2021 noch ganz verheißungsvoll.


Die ersten Impfstoffe waren da und somit die Hoffnung/der Glaube, die Pandemie bald zu überwinden – eine Hoffnung, die sich so nicht erfüllt hat und nun die Gesellschaft spaltet. Und dass die Pandemie weiterhin das alleinig beherrschende Thema ist. 

 

So beherrschend war das Thema, dass uns die Tragödie in Afghanistan gerade mal so lange in Atem hielt, bis der letzte Flieger das Land verließ und damit die Bevölkerung ihrem Schicksal überließ. So beherrschend, dass man schon lange nach Artikeln suchen muss, in denen darüber berichtet wird, dass Wladimir Putin mal eben fast 100.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine stationieren ließ, vom Konflikt in der Ostukraine ganz zu schweigen. So beherrschend, dass die Klimaschutzbewegung scheinbar zum Erliegen gekommen ist.

Was wurde nicht alles in 2019 über Greta Thunberg berichtet. Und heute? Greta who? 

 

So dominant, dass die größte Waldzerstörung im Amazonas seit 15 Jahren kein Aufreger mehr ist. Immerhin – es gab mal wieder einen Klimagipfel und irgendwie hat sich die Staatengemeinschaft zu was motivieren lassen – aber erst bis 2030. 

 

Dieses Jahr 2030 scheint mir ein magisches Datum, an dem sich offensichtlich alle menschlichen Probleme in Luft auflösen werden. 

Aber erstmal kommt das Jahr 2022. Ein Jahr mit ganz schön vielen Zweien. Und wie alle Zahlen mit eigener Symbolik – ZWEIfel, entZWEIen, ZWEIsamkeit oder auch ZWEI Seiten der Medaille. 

 

Die Frage lautet, worauf legen wir unseren Fokus? Auf das, was trennt, oder das, was verbindet? Die Risse gehen nicht nur durch die Gesellschaften, sondern auch durch Familien und Freundschaften. 

 

Mir sind es gerade zu viele negative Sichtweisen, das Glas halbleer. Manchmal wünsche ich mir, die Amerikaner hätten nicht nur Rosinen abgeworfen, sondern auch ganz viel von ihrer positiven Weltsicht.  

 

Letztens fiel mir der gute alte Faust wieder ein, der Tragödie zweiter Teil (wo wir wieder die Zwei hätten). 

 

 

Mitternacht 

Vier graue Weiber treten auf. 

 

Erste. 

Ich heiße der Mangel. 

 

Zweyte. 

Ich heiße die Schuld. 

 

Dritte. 

Ich heiße die Sorge. 

 

Vierte. 

Ich heiße die Noth. 

 

Zu drey. 

Die Thür ist verschlossen wir können nicht ein, 

Drinn wohnet ein Reicher wir mögen nicht ’nein. 

 

Mangel. 

Da werd’ ich zum Schatten. 

 

Schuld. 

Da werd’ ich zu nicht. 

 

Noth. 

Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht. 

 

Sorge. 

Ihr Schwestern ihr könnt nicht und dürft nicht hinein. 

 

Die Sorge sie schleicht sich durch’s Schlüsselloch ein. 

(Sorge verschwindet.) 

 

 

 

Materiellen Mangel und Not kennen nur noch die wenigsten in unserem Land, aber die Sorge ist irgendwie immer da. Hat sich halt eingeschlichen. Und so wie es im Faust weitergeht, fühlt sie sich am rechten Ort als ewig ängstliche Begleiterin. Manchen meinen, wir seien schon weit über die Sorge hinaus, eher schon in einem Angstporno. Angst auf beiden Seiten, Angst zu erkranken und vor Ungeimpften auf der einen Seite, Angst vor den Folgen der Impfung oder boshaften Milliardären auf der anderen Seite. Angst vor dem Verlust der Arbeit, die Schulden nicht zahlen zu können, Angst, geliebte Menschen zu verlieren, Angst vor Überfremdung usw. 

 

Ich frage mich oft, ob die Natur oder der liebe Gott einen schlechten Tag hatte, als sie die Datenautobahn zwischen Reptilienhirn und dem Rest unseres Körpers baute und wozu wir dieses tolle Großhirn haben, wenn wir am Ende doch schnell in Flucht oder Angriffsmodus umschalten. 

 

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber (das sehen Versicherungen naturgemäß anders) und lähmt uns oftmals. Oder führt zu ganz anderen Problemen – siehe Meister Yoda. 

 

Aber vielleicht hat alles auch seinen tieferen Sinn, erst wenn wir vor Herausforderungen stehen, können wir sie annehmen. Und das gilt auch für diese Pandemie. 

 

Ein persönliches Beispiel: Meine Frau und ich wollten ein Kind bekommen, aber es klappte nicht. Wir hatten vieles versucht, am Ende landeten wir in einer Kinderwunsch-Klinik. Die Ärzte meinten, ich könnte auf natürlichen Weg keine Kinder zeugen, somit begannen wir mit einer In-Vitro-Fertilisation. Aber es fühlte sich nicht richtig an und wir wurden immer unglücklicher. Also ließen wir den Gedanken zu, am Ende keine Kinder zu bekommen, auch wenn es schmerzlich war, weil alle unsere Freunde in diesem Zeitraum Kinder bekamen. Aber der Druck war raus. Die Yogalehrerin meiner Frau gab uns den Tipp, dass in Berlin indische Ärzte zu Besuch seien und wir doch mal mit denen sprechen könnten. Gesagt, getan – wir begannen noch in Berlin mit einer ayurvedischen Behandlung, die Ärzte meinten aber, wir sollten am besten nach Indien kommen für eine Panchakarma Kur. Also nahmen wir unseren Jahresurlaub und reisten spontan nach Indien. Einen Monat nach Beendigung der Kur war meine Frau schwanger. 

 

Warum erzähle ich das? Es hätte auch anders laufen können, ich hätte die Schuld bei meiner Frau, bei den Ärzten suchen können. Aber wir haben für uns selbst Verantwortung übernommen und so kam eines zum nächsten.  

 

Oft habe ich den Eindruck, dass viele Menschen Verantwortung lieber abgeben – an die Politik, an die Gesellschaft, an die Familie, den Arbeitgeber oder auch Ärzte – und im Zweifel dann einen Schuldigen haben, wenn es gegen sie läuft. 

 

Ich bin als Jugendlicher mit der Musik von Michael Jackson aufgewachsen und daher ein großer Fan seiner Musik. Mein Lieblingssong ist nicht -"Thriller" sondern "Man in the mirror". Als Jugendlicher war es „nur“ die Komposition, später hauptsächlich der Text mit seinem berühmten Refrain: 

 

I'm starting with the man in the mirror 

I'm asking him to change his ways 

And no message could've been any clearer 

If you wanna make the world a better place 

Take a look at yourself and then make a change 

 

 

Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass die Menschen wieder mehr Verantwortung sich selbst gegenüber übernehmen und wieder mehr Wertschätzung, Respekt gegenüber den Mitmenschen. Wir haben die große Chance, uns in 2022 zu einem besseren Selbst zu machen – wenn wir nur wollen. 


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Kommentare: 2
  • #1

    Lydia (Sonntag, 23 Januar 2022 07:41)

    Ja, genau. Sich selber ändern. Dabei sein, lieb mit anders denkenden umgehen ...
    Nette persohnliche Geschichte.
    Eine liebe Umarmung an Dich und Deine Familie.

  • #2

    Rainer (Sonntag, 23 Januar 2022 19:05)

    Vielen dank, lieber Thomas, für diesen unZWEIdeutig tiefschürfenden und Mut machenden Beitrag!
    Parole ist bekannt!

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