Die transformative Kraft der Musik: die Freude, im Chor zu singen

von Rainer Molzahn

die Freude, im Chor zu singen

Im Chor zu singen – also nicht zu zweit oder zu dritt, sondern mit einem oder zwei Dutzend Leuten, oder noch viel mehr – ist eine der bewegendsten Erfahrungen, die man absichtsvoll machen kann.

 

Ich erinnere mich noch gut an die Gelegenheiten im Musikunterricht, wenn die ganze Gundschulklasse (25+ Kinder) gemeinsam Kirchenlieder sang... 


Oder etwas später, im Gymnasium, als ich mit 11 oder 12 als Mitglied des ‚Auswahlchores‘ die Ehre hatte, tatsächlich in richtigen Kirchen Choräle und Hymnen zu singen. In amtlichem fünfstimmigen Satz – erhöht neben der Orgel platziert, die ganze vieldimensionale Akustik des Kirchenschiffes durch sich hindurchklingen lassend: Gänsehaut.

 

Ich glaube, Kirchen wurden exakt aus diesem Grunde so gebaut: die transpersonale Erotik, die einheitsstiftende Kommunion des Chorgesangs zu befördern. Zur gleichen Zeit dasselbe erleben, und selber darin erschaffend mittätig zu sein. 

 

In einer jüngeren Erhebung von Chorus America wird berichtet, dass der Chorgesang in Amerika stärker ist als je zuvor, mit mehr als 54 Millionen Amerikanern, die in Chören singen. Auch der Prozentsatz der in Chören singenden Amerikaner ist in den letzten zehn Jahren gestiegen: von 14 % im Jahr 2009 auf 17 %. Das ist fast jede*r Fünfte! Chorsingen als Zeremonie der Gemeinschaftlichkeit und Verbundenheit wird also immer beliebter. Nicht nur in Amerika. Welcher Weisheit folgend ist das so? dieser Frage möchte ich hier Raum geben. Fühl dich jetzt schon mal eingeladen, in den Kommentarzeilen weiter unter deine Impulse und Antworten zu teilen …

Meine These: Chorgesang ist ein besonders intensives Echtzeit-Erleben von Kommunion.

Kommunion ist Einheit-in-Bedeutung. Die Abwesenheit von Unterschied. 

Das tiefe Bedürfnis (wahrscheinlich gibt es kein tieferes), dies immer wieder zu erleben, wird noch dringlicher in Zeiten der Fragmentierung  und Polarisierung, so wie wir sie aktuell erleben. Weil diese transformatorische Krise global ist, und weil sie radikal infrage stellt, was wir gewohnt sind, als die Grenzen unseres kulturellen Raumes von Einheit-in-Bedeutung zu verstehen, ergibt sich für mich daraus die Frage: 

Welche Chöre, welche Choräle, welche Hymnen der globalen Kommunion können wir in diesen Zeiten singen? So dass unsere globale Einheit-in-Bedeutung nicht einfach ein abstraktes Konzept, sondern ein wahrhaftiges sinnliches Erleben ist?

Eins ist für mich klar: unsere Gesänge müssen irgendeine Variation der von Barack Obama postulierten Wahrheit beinhalten: „Unsere Geschichten mögen einzigartig sein – unser Schicksal ist ein gemeinsames“. Unsere Unterschiede sind so wichtig wie unsere Gemeinsamkeiten. Vielfalt in Einheit. Das ist der Bezugsrahmen: wie füllen wir den mit Kunst?

Genau aus diesem Feld erwuchs mein Erwachen, als ich das Konzert des Chores ‚The Crossing‘ sah und hörte – wenige Wochen, nachdem überhaupt Live-Konzerte im Redaktionsbüro von NPR möglich wurden, nach langen Monaten der Beschränkung, Corona-bedingt natürlich. Als wir alle wie ausgezehrt waren vom Verbot jeder körperlichen Nähe (‚Social Distancing‘).

Was mich so besonders ansprach und berührte (und das wird mir erst jetzt kristallklar, während ich dies schreibe): der Chorgesang gestaltet genau diese Schaukel zwischen Unterschiedlichkeit und Gleichheit, zwischen Einzigartigkeit und Allverbundenheit, zwischen Kommunikation und Kommunion auf das ästhetisch Befriedigendste. Hier ist eine Kurzfassung des Kommentars von Bob Boilen (verantwortlicher Redakteur) zum Konzert im Redaktionsbüro:

Als sich das Vokalensemble The Crossing - auch bekannt als "Amerikas erstaunlichster Chor" - hinter dem Tiny Desk aufwärmte, erinnerte es mich einmal mehr daran, wie freudig und kraftvoll es sich anfühlen kann, gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen zu singen. In einem Chor zu singen ist eine musikalische Aktivität, die von mehr als 54 Millionen Amerikanern geteilt wird, so eine aktuelle Studie von Chorus America.

 

Der in Philadelphia ansässige Chor und sein zukunftsorientierter Leiter Donald Nally genießen zwar die Auszeichnungen, darunter zwei Grammy-Preise, aber das Wichtigste für sie ist der klare, präzise Gesang brandneuer Musik. Sie haben fast 110 neue Werke bei Komponisten wie Caroline Shaw, David Lang, John Luther Adams, Gavin Bryars und Shara Nova in Auftrag gegeben und uraufgeführt, deren brandneues Werk Titration im Mittelpunkt dieser Aufführung stand. The Crossing hat das Werk nur vier Tage vor seinem Besuch bei NPR in Montana uraufgeführt.

 

Novas Musik, die sich "mit dem Umgang mit schwierigen Emotionen beschäftigt", wie sie sagt, erfordert vom Chor eine große Bandbreite an Klangfarben. Die Stimmen setzen sanft in durchscheinenden Schichten ein, was an die Traditionen der Renaissance erinnert, oder sie bellen auf eine Weise, die an den frühen amerikanischen Shape-Note-Gesangsstil erinnert.

 

Während des Soundchecks unterbrach Nally die Sänger*innen, um ihnen eine etwas andere Aussprache zu entlocken oder die Lautstärke zu verändern. Und bei all dem sangen sie mit Kraft und Präzision - und mit einem Lächeln im Gesicht… 

Unwiderstehlich. Mein*e persönliche*r Favorit*in für eine globale, postkapitalistische, unsere Unterschiede wie unsere schicksalhafte Einheit feiernde Hymne (direkt geboren auch aus meinem persönlichen Transformationsprozess, wie könnte es anders sein), ist diese:

Meine Brüder und Schwestern, liebe Leserin, liebe Leser:

Ich wäre höchst interessiert daran zu erfahren, was das Erlebnis des gemeinsamen Singens für euch ungefähr so zauberhaft und unersetzlich macht wie für mich, denn das ist es – wie gesagt, speziell in Zeiten, in den wir fragmentiert, polarisiert und antagonisiert zu werden drohen. Bitte tragt eure Impulse, Resonanzen und Kommentare unten ein, und ich sorge dafür, dass wir berühmt werden! Und dann übernehmen wir TikTok! Damit das Leben auf unserem Heimatplaneten gedeiht... 

P.S. am 05/12/2022: Die Kommunion, im Chor zu singen

Vor wenigen Tagen erschien im SPIEGEL der Artikel „Wie ein Chor Menschen auf der geteilten Insel Zypern verbindet“. Ich war geplättet, das zu lesen, traf es doch exakt den Punkt, die Frage, wie Kommunion in einer von Konflikten zerfressenen Welt aussehen kann. Oder vielmehr: klingen?

Der SPIEGEL erläutert:

„Den Chor von Lena Melianidou hätte es auf der gespaltenen Insel Zypern gar nicht geben dürfen. Viele Mitglieder kennen die andere Seite noch als Feind – und wollen gerade deshalb weitersingen. Sie alle singen in einem Chor, für den es auf Zypern eigentlich keinen Platz gibt: Weil er Menschen verbindet, die im normalen Leben verfeindet sind. Nach dem Überfall der Türkei ist die Mittelmeerinsel Zypern seit 1974 geteilt, in einen türkischen und einen griechischen Teil, getrennt durch eine Pufferzone und UNO-Soldaten. Heute ist der Konflikt seit Jahren festgefahren.

Und dennoch singen sie weiter, seit 1997. Männer und Frauen, türkischstämmige Zyprer und griechische. »Bikommunal« wird dieser Chor oft genannt, was so viel bedeutet wie: dass beide Seiten in Frieden respektvoll zusammenleben…“

Foto: Ciacomo Sini

Ist Bi-, Tri-, Polykommunion die neue Kommunion? Das wär doch mal was!


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Kommentare: 7
  • #1

    Palle Mikkelsen (Samstag, 12 November 2022 13:09)

    For os danskere er det især sjovt at synge kor, når vi allerede har sagt Skol to eller tre gange. Forstår du det, kære Rainer?

  • #2

    Nazanine Niavarani (Donnerstag, 17 November 2022 19:29)

    با تشکر از این یادآوری! ما زنان ایرانی به طور خاص از سهم انکارناپذیر خود آگاه هستیم. و اکنون، متأسفانه، باید بروم: ما در شرف تظاهرات هستیم ...

  • #3

    Anne (Samstag, 19 November 2022 13:40)

    Danke für diesen berührenden Beitrag. Ich habe fast mein ganzes Leben im Chor gesungen. Seit einigen Jahren komme ich nicht mehr dazu und das ist wirklich etwas, was mir sehr fehlt.
    Das Gefühl, was in mir entsteht, wenn etwa 40 Menschen ihre Stimmen vereinen und einen Saal oder eine Kirche zum Klingen bringen, ist in jeder Faser meines Körpers zu spüren und Balsam für die Seele.

  • #4

    Swantje (Sonntag, 20 November 2022 20:15)

    Auf die Frage, was Chorsingen für mich persönlich bedeutet, antwortete ich vor kurzem spontan zweierlei: Vielstimmigkeit (die ich alleine nicht erreichen kann) und körperliches Wohlbefinden. Das Aufeinander-Hören beim Musizieren macht grundsätzlich etwas mit mir, auch, wenn ich mit Instrumenten musiziere. Aber nicht jede/r beherrscht ein Instrument so gut, dass er/sie in der Lage ist, ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Das ist beim Chor durch die Vielzahl an Menschen anders: ein gemeinsamer Chorauftritt kann überwältigend sein! (Sogar dann, wenn das Publikum nicht gleichermaßen berührt ist.) Die für die menschliche Stimme geschriebene Literatur ist wunderbar, allen voran in der Kirchenmusik (jedenfalls meiner Meinung nach). Immer wieder bin ich überrascht, wie gut auch meinem Körper das Singen tut - das Atmen, die Resonanzen, das Puls-Spüren.
    Vox humana...

  • #5

    Élaine Simenon (Samstag, 26 November 2022 16:10)

    Nous, les femmes françaises - surtout celles d'entre nous qui viennent de Normandie - savons probablement mieux que quiconque à l'ouest de la Vistule ce que signifie être en chœur en temps réel et en même temps mouillé de joie. Merci quand même pour cet encouragement supplémentaire, cher Rainer...

  • #6

    Elena Popparizou (Montag, 05 Dezember 2022 19:22)

    Αισθάνομαι πολύ ομιλημένος μέσα από αυτή τη συμβολή, αγαπητέ Rainer. Μετά από τόσες δεκαετίες πολέμου και συγκρούσεων, ήρθε η ώρα να ενωθούμε!

  • #7

    Sertab Ürüner (Montag, 05 Dezember 2022 19:28)

    Ben de Türk-Yunan komşuluğunun savaş ve acıdan daha fazlasını ve daha iyisini üretmesini çok isterdim. Şarkı söyleyelim...

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