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Die Wurzeln des Lebens

von Rainer Molzahn

Die Wurzeln des Lebens

 

Es gibt nicht viele Bücher, und noch weniger Romane, die mein Leben verändert haben: meine Wahrnehmung, mein Denken, mein Wissen, Fühlen und Handeln.

 

Der erste Roman war ‚1984‘ von George Orwell, ich war 16 oder 17, und 1984 war für mich noch so weit weg wie für uns jetzt 2037, circa. Das bislang letzte in dieser kurzen Reihe (die einem Rhythmus gehorcht, über den ich keine Gewalt habe) ist ‚The Overstory – Die Wurzeln des Lebens‘ von Richard Powers.


1984 war für mich ein Weckruf, mir meiner eigenen Nachkriegskultur im Gefolge der Katastrophen bewusst zu werden, deren Täter und Opfer sie war. Zu erkennen, welche Macht Sprache hat. Wie unfassbar schrecklich die Dinge sind, die wir uns gegenseitig antun können, ohne unser Erbgut zu verändern. Mittlerweile sind wir viel weiter … 

 

Die Wurzeln des Lebens, meine jüngste Lektüre, hat mich dazu aufgeweckt, den menschlichen Platz im großen Entwicklungsprozess des irdischen Lebens neu zu ermessen.

 

Wie kurz und wie klein unser Horizont ist, und damit auch meiner. Wie unfassbar eingebildet wir sind, die Menschenwelt als Welt und die Natur als Umwelt zu benennen und zu bewerten – als wäre sie nichts als eine Kulisse, die die eigentliche Welt ambientemäßig umrahmt. Und damit auch ich. Mein Wissen und meine Vertrautheit mit meiner natürlichen ‚Umwelt‘ beschränkt sich auf die Benennung von vielleicht zwei Dutzend Baum-, Pflanzen-, Obstsorten.

 

Wie eilig wir es mit allem haben, und wie sehr unsere dominante kulturelle Überzeugung davon besessen ist, ständig noch schneller zu werden. Schließlich ist Zeit Geld! Wie blöd kann man eigentlich sein? 

 

Der Gipfel dieser Beschränktheit ist wahrscheinlich so etwas wie unser geliebter Humanismus – der Mensch als Mitte und Maßstab für alles! Ich laufe gerade schamrot an, während ich dies schreibe. 

 

Aber: „Du und der Baum in deinem Hinterhof stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Vor anderthalb Milliarden Jahren habt ihr euch getrennt. Aber selbst jetzt, nach einer immensen Reise in verschiedene Richtungen, teilen dieser Baum und du immer noch ein Viertel eurer Gene.“

 

Das eröffnet völlig neue, zutiefst vertraute Horizonte von Langsamkeit und Zugehörigkeit, und die entfalten sich durch den gesamten Text. In Baumzeit. Tatsächlich: Noch nie habe ich ein Buch so langsam gelesen – oft nur 10 Seiten am Tag. Es brauchte diese Langsamkeit, um wirklich zu assimilieren, dass die ‚Umwelt‘ da draußen intelligent, vernetzt und ja, beseelt ist. Dass sie ein ehrfurchtgebietend langes Gedächtnis hat, von dem wir nur lernen können. Dass sie zu uns spricht, wenn wir still genug sind zu hören. Dieses Buch ist lebensverändernd.

 

Wenn ich aufgehört habe mich zu schämen, werde ich fünftransformative Lerngewinne der Lektüre in Lebenspraxis umsetzen:

 

Spirituell 

Ich werde anfangen zu lauschen, und ich werde anfangen zu antworten. Insbesondere auch in meinen morgendlichen Meditationen.

 

Intellektuell 

Ich werde forschend der Hypothese nachgehen, dass der Rest der Schöpfung wie wir selbst mit dem Universum nach dem Informations-Bedeutungs-Paradigma interagiert, und nicht nach der Knute von Ursache/Wirkung. 

 

Lebenspraktisch

Ich werde als Erstes lernen, Avocados von Pomelos zu unterscheiden. Dann werde ich mal erkunden, ob es eine App gibt, die einem sagt, vor welchem Baum man steht, und wie es dem aktuell geht. 

 

Politisch

Ich werde im Projekt "Global Citizens United" (coming soon) daran arbeiten, dass die Heiligkeit der Erde und unsere Verantwortung für sie in die Charter der transformierten UNO geschrieben wird. So wichtig wie die Menschenrechte, wenn nicht wichtiger: unsere Menschenpflichten. 

 

Musikalisch 

Ich werde als Ergebnis meines spirituellen Dialoges mich daran machen, Leitmotive einer neuen Menschheitshymne zu entwerfen, nach dem Leitmotiv "Wenn J.S. Bach heute lebte, welches Oratorium würde er uns schenken wollen?"

Ich lausche …

 

 

Wenn man die Geschichte näher kennenlernen möchte, die Richard Powers dazu inspirierte, das Buch zu schreiben ...

Hier ist ein Interview im berühmten ‚Shakespeare and Company Bookshop’ in Paris: 

Wenn man die ökologisch-politischen Implikationen erkunden möchte, die der Schaffensprozess für den Autor nach sich zog:

Ein Gespräch mit Bill McKibben, Mitbegründer von 350.org. 

Aloha, Rainer


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Kommentare: 1
  • #1

    Friede (Freitag, 12 Februar 2021 17:16)

    Lieber Rainer,
    danke für Deine Buch- und Filmbesprechung. Auch mich hat das Buch und auch der Film von David Attenbrough sehr bewegt ... und Du hast dafür wunderbare Worte gefunden. Ich teile die Demut unsere Abhängigkeit von unsrer wunderbaren Erde.

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