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Der 3. Oktober 1990 - eine persönliche Retrospektive des Wandels

von Thomas Böhme

Tage des Wandels

Es ist Mittwochmorgen, ein sonniger und schöner Tag beginnt.

Seit 1. September bin ich Soldat bei der Nationalen Volksarmee. Als ich im Juli mein Abitur beendete, offerierte mir der noch real existierende Staat der DDR nur eine valide Option. Da man mir aufgrund der vielen Anträge für den Zivildienst aktuell nichts Konkretes offerieren konnte, bot man mir an, die damals gültigen 12 Monate Wehrdienst direkt in meiner Heimatstadt Zwickau abzuleisten. 

 

Da völlig unklar war, was in den nächsten Monaten passieren würde, willigte ich ein, um „die Sache“ hinter mir zu haben und danach ohne Unterbrechung mein Studium beginnen zu können.


 

Nachdem die ersten Wochen bei der NVA noch ganz im Zeichen des alten Drills standen und wir von den Unteroffizieren und Offizieren nach den üblichen Regeln schikaniert wurden, änderte sich Ende September einiges. Offiziere der Bundeswehr tauchten auf und fragten uns Soldaten nach unserem Befinden und unserer Meinung.

 

Dann kamen die neuen Uniformen. Nachdem wir bisher die üblichen NVA-Felddienstuniformen trugen, dir mir dürren Schlacks viel zu weit waren und mit Beginn des Herbstes auch zu kühl, bekamen wir nun maßgerechte Kleidung, insbesondere tauschten wir die blasenerzeugenden, klobigen NVA-Stiefel gegen passable Schnürstiefel.

 

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober hatte ich Wachdienst. Zum Wachwechsel stand der obligatorische Fahnenappel an. Ich war 20 Jahre und müde von der Nacht. Nicht annähernd war mir der historische Moment bewusst, der nun eintrat. Ich zog meine alte NVA-Uniform aus und die neue Bundeswehr-Uniform an. Die Fahne der DDR wurde vom Fahnenmast heruntergenommen und die Fahne der Bundesrepublik Deutschland gehisst. Da es sich um ein geschlossenes Kasernengelände handelte, war dieser Akt für die Öffentlichkeit unzugänglich. Ich kann mich nicht erinnern, mit meinen Freunden darüber gesprochen zu haben oder dass Fotos gemacht wurden.

 

Und so fuhr ich an diesem Tag müde nach Hause und legte mich schlafen. Dann ging alles sehr schnell, die Unteroffiziere und Offiziere, die uns eben noch schikaniert hatten, waren plötzlich lammfromm und verschwanden recht schnell. Sie fanden schnell eine neue Beschäftigung bei Versicherungen, die diese Offiziere als gehorsame Mitarbeiter für das kommende Goldgräbergeschäft für Versicherungsleistungen sahen.

 

Unsere Kaserne sollte abgewickelt werden. Wir Kadetten bekamen die Chance uns zu äußern, wohin wir kommen sollten. Ein Teil der Armee sollte die Abwicklung der Kaserne sichern. Viele gaben private oder kommerzielle Gründe – die Mitarbeit in einer Versicherung – an, um in der Kaserne zu bleiben. Meine engsten Mitstreiter und ich meldeten uns spontan für einen Abendkurs in Englisch an. Ohne wirklich zu wissen, dass Bildung als hohes Gut der Bundeswehr galt, war es für uns die glückliche Fügung, ausgewählt zu werden und die Auflösung der Kaserne zu begleiten.

 

Also bewachte von nun an ein Dutzend Soldaten und ein paar Unteroffiziere eine Kaserne, die 1885 erbaut, über 100 Jahre lang Soldaten des Königreichs Sachsen, der Wehrmacht und der NVA beherbergte. 

 

Als das Musikgymnasium Zwickau ein Raumproblem hat, bekommen wir unverhofften Besuch. Von nun bewachen wir auch ein Mädcheninternat. Waffenlos, wie eine Art Sicherheitsdienst saßen wir am Eingang der Kaserne und musizierten abends mit den Mädchen. Das Traumlos eines jungen Soldaten in verrückten Zeiten des Wandels.

 

Als später die Kaserne der Stadt Zwickau zur zivilen Nutzung übergeben wird, ziehen wir in ein nahegelegenes Außenlager der Bundeswehr und bewachen von nun mit Waffen und hinter einem Starkstrom-Stacheldrahtzaun ein bis an die Decken der Lagerhallen vollgestopftes Waffenarsenal der ehemaligen NVA.

 

Zu diesem Zeitpunkt schaue ich nun in erster Linie für mich selbst und was ich mit meiner neuen Freiheit anfangen kann. Ein Jahr zuvor sah die Welt noch völlig anders aus. Nach der ersten traumähnlichen Phase, in der ich die Veränderungen kaum begreifen konnte, folgte die Phase des Erwachens und Erkennens, in welchem Unrechtsstaat man eigentlich gelebt hat. Missstände waren mir über die Arbeit meiner Eltern und meine Berufsausbildung schon frühzeitig aufgefallen, aber das gesamte Ausmaß kam nun erst zum Vorschein.

 

Ich war Abiturient an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) „Walter Ulbricht“, einer Eliteschule des Landes. Schüler dieser Einrichtung wurden auf ein Auslandsstudium in der Sowjetunion oder Bulgarien vorbereitet und galten als künftige Nachwuchskader der DDR.

 

Die einhergehenden Veränderungen trafen diese Schule besonders. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine lebhafte Diskussion, den Namen der Schule von Walter Ulbricht in Walter Janka umzubenennen, nachdem bekannt wurde, was mit Walter Janka in den 50er Jahren passiert war. 

 

Kurze Zeit später herrschte eine ungeheure Aufbruchsstimmung. Offiziell war die ABF Teil der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und somit galten wir auch als Studenten. Ich wurde Teil der neuen Unizeitschrift und berichtete in dieser Funktion auch vom runden Tisch in Halle. 

 

Während die Älteren mit ihrem Schicksal haderten, entwickelten wir Jungen Ideen einer neuen deutschen Republik, für die die Menschen in Leipzig auf die Straße und eingetreten waren. Ungeahnte Möglichkeiten taten sich auf, insbesondere auch in Verbindung mit einer möglichen Wiedervereinigung. Diese Zeit war eine ungeheure Chance für ein neues Deutschland mit echten demokratischen Strukturen, einer Entmilitarisierung, eines souveränen und neutralen Staates in der Mitte Europas. Als ein Land, welches das Beste beider Welten vereint.

 

Sehr schnell wurde im Frühjahr 1990 jedoch klar, wohin sich die Dinge entwickeln und welche Souveränität die DDR und BRD wirklich hatten und wie wenig Interesse daran bestand, Themen grundlegend in die Hand zu nehmen und zu verändern.

 

30 Jahre sind nun seitdem vergangen, eine lange Zeit, aber auch nach 30 Jahren besteht die Chance, grundlegende Veränderungen anzustoßen, die mehr denn je gesellschaftlich notwendig erscheinen.


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Kommentare: 2
  • #1

    Angelika Kleinknecht (Sonntag, 04 Oktober 2020 21:46)

    Danke, Thomas! Genau solche Geschichten brauchen wir, um zu verstehen, was es heißt, deutsch zu sein!

  • #2

    Nadine (Montag, 05 Oktober 2020 17:00)

    Pretty f++ing fantastic testimony to the times. Thank you so much! I remember you in a Chemnitz classroom, so well-behaved and absorbent like a sponge!

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