Wenn wir uns der Welt verschließen …

von Anne Grökel

Supervision Coaching-Ausbildung 2017

Ich bin in einem Neubaublock mit sechs Stockwerken groß geworden. Der Block hatte insgesamt acht Eingänge, in denen je Stockwerk zwei Familien wohnten.

 

Ich kannte jeden Nachbarn.

 

Ich wusste von fast allen, welcher Balkon zu wem gehörte, wer zur Familie gehörte und wie die Kinder heißen. 

Und ich bin sicher, dass es den Nachbarn ebenso ging. Wir kannten einander, wir grüßten einander und wir merkten schnell, wenn etwas nicht stimmte, weil wir aufeinander achteten.

 

Jetzt bin ich gar nicht der Typ, der mit Floskeln wie „Früher war alles besser“ um sich wirft, das ist sogar sehr relativ zu betrachten. Aber in dieser Hinsicht, ist es mir in den letzten Jahren ganz schön kalt geworden. Ich wohne nicht mehr im Neubaublock, kenne zwar meine Nachbarn, aber ich weiß nicht viel über sie und wenn sie weggefahren sind, erkenne ich es nur daran, dass die Jalousien sich ein paar Tage nicht öffnen.

 

Wenn man in die Häuser und Stuben schaut, sieht man Menschen zusammen am Tisch sitzen, die alle in ihr Smartphone starren, ohne einander wahrzunehmen. Daneben läuft ein Fernseher und sendet rund um die Uhr Talkshows, die zwar kaum jemand wahrnimmt, aber in denen Menschen für ein bisschen Geld aus dem Nähkästchen der Peinlichkeiten plaudern. Schon die Beschreibung dessen, lässt in mir ein Gefühl der Einsamkeit heraufkriechen, dass es mich fröstelt.

 

Wir erinnern uns noch daran, wie wir mit der Clique um den Block gezogen sind, bei der Freundin geklingelt haben, weil uns langweilig war oder für uns unentdecktes Terrain in alten Industriebrachen eroberten. Aber die Generation unserer Kinder wird solche Erinnerungen vielleicht nicht haben. Weil sie kaum raus kommen, kaum unter Menschen gehen und überwiegend möglichst berührungsarmes Socializing betreiben, virtuell, unverbindlich …

 

Die Betäubungsmittel dieser Zeit heißen nicht mehr nur Alkohol und Drogen. Wir werden ferngesteuert durch das Brummen oder Pfeifen unserer Smartphones, die uns einen kleinen Dopaminschub bescheren. Kaum jemand möchte sich noch von seinem Miniaturcomputer trennen, falls doch in dieser Zeit etwas Weltbewegendes virtuell geschieht. 

 

Und verloren geht bei alldem, die Wärme, die erzeugt wird, wenn wir uns berühren und in der Folge berühren wir uns auch im Herzen nicht mehr. Schon Harry Harlow wies 1957 mit seinen Rhesus-Äffchen nach, wie wichtig körperlich angenehme Empfindungen für soziale Bindungen sind. Virtuell gibt es diese nicht. Und obwohl wir uns vermeintlich in einem großen virtuellen Netzwerk von Freunden befinden, steigt in uns die kalte Einsamkeit herauf, und wir wickeln uns immer mehr in uns ein. 

 

Wenn wir uns derart der Welt verschließen, wie wollen wir sie dann besser machen?

 

Grundvoraussetzung dafür ist doch, dass wir sie zunächst wieder wahrnehmen.

 

Wie geht es den Menschen, die mit mir am Tisch sitzen? Was kennen sie für Geschichten? Was haben sie erlebt? Was sind ihre Träume und Wünsche? Wenn wir uns wieder füreinander interessieren, dann kann Nähe entstehen, und Wärme. Man findet wieder gemeinsame Visionen, entwickelt Projekte und bildet Gemeinschaften, die Freude erzeugen, weil man mit allen Sinnen spürt, wie echt sie sind. 


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