Wie lebt man? - Akt 3: Peripetie – was steht auf dem Spiel?

von Rainer Molzahn & Boris Leithäuser

Wie lebt man 3

 

Im dritten Akt des Dialogs geht es um die vermeintliche Trennung von Soma und Psyche, die Stigmatisierung des Nicht-Sichtbaren sowie um das Prinzip Verantwortung.

 

Und: Welche Rolle spielen die Frauen bei der Beantwortung der Frage "Wie lebt man?"

 

 


Akt 3:

In welchem die Handlung ihren dramatischen Höhepunkt (Klimax) erreicht, durch die Zuspitzung der inneren und äußeren Konflikte des Helden bzw. der Heldin. Oder, im Lichte des 5-Grenzen-Prozessmodell: die Grenze gegen die Bedeutung …  


Rainer VI

(antwortet auf Boris V, Akt 2)

 

Danke für diese Fragen! Was wir gerade hier tun, hat übrigens schon sehr viel zu tun mit meiner Antwort, so wie ich sie gleich noch erläutern werde. Aber zunächst: wem gegenüber bin ich in der Minderheit, und ist diese Minderheit eine benachteiligte oder eine privilegierte? 

Ich bin meinen Klient*innen gegenüber in der Minderheit, weil Muggels überhaupt nur als Mehrheit denkbar sind und vorkommen. Ich wäre anthropologisch sehr interessiert, eine Muggel-Kultur kennenzulernen, die sich als Minderheit identifiziert! Kleiner Spaß. Wenn ich nicht in der Minderheit wäre, könnte ich ihnen ja auch nichts beibringen. Meine Minderheit ist also eine, die sich sowohl aus Privilegiertheit wie aus Benachteiligung speist. Ich bin privilegiert, weil ich Dinge über das Leben, das Universum und alles weiß, die sie nicht wissen. Noch nicht wissen. Aber wissen könnten und vielleicht wissen werden, mit ein bisschen Glück und Hilfe. 

 

Das genau ist mein Beziehungsangebot, das genau ist die Projektionsfläche, die ich biete und der ich mich stelle. Ich bin ‚benachteiligt‘, weil meine Klient*innen nach den Maßstäben unseres kulturellen Mainstreams oft doppelt, dreifach oder vielfach so wohlhabend sind wie ich – besonders, wenn sie ‚höhere‘ Führungskräfte sind: Ihr (oft auch privat genau so benanntes) Schmerzensgeld dafür, dass sie ein Teil der kapitalistischen, an kurzfristigem Gewinn orientierten Selbst- und Fremdausbeutungs-Kultur sind, ist einfach viel höher als meine Honorare als ‚Solo-Selbständiger‘ es je sein könnten. Meine Beziehungsaufnahme zu ihnen ist also das Produkt dieser beiden Variablen – meines höheren wie meines niedrigeren Ranges, in Interaktion miteinander. Wenn das nicht so wäre, könnte ich nicht in die Art von Dialog mit ihnen treten, die ich anwende, um sie aufzuschrecken, aufzuwecken, aufzustacheln gar. Es ist im Kern also eine schamanische. Ein Schamane muss, kann oder darf nicht ‚wohlhabender‘ sein als der Kaiser, den er schamanisch betreut. 

 

Was meine Beziehungsaufnahme zu meinen Azubis angeht, spielt meine relative ‚Benachteiligung‘ natürlich keine Rolle, sonst wären sie nicht meine Azubis geworden. Durch unsere Ausbildungsvereinbarung haben sie explizit ihren einstweiligen Status als Zauberlehrlinge sowie implizit meine Ältestenschaft nicht nur akzeptiert, sondern geradezu gewünscht, oder gar ersehnt. Das heißt, dass das mein Beziehungsangebot ihnen gegenüber auf so etwas wie Mentoring hinausläuft: ich weiß etwas für ihren Beitrag Essenzielles besser als sie, und ich lasse sie daran nicht nur teilhaben, sondern übergebe die Führerschaft Schritt für Schritt an sie … Psychologisch übrigens ein sehr interessanter Prozess! Sich sehr groß machen, um dann Schritt für Schritt kleiner zu werden, damit der oder die Andere größer werden kann. 

 

In beiden Fällen ist unter praktischen Gesichtspunkten dies das Ausschlaggebende [schöner deutscher Ausdruck!]: sowohl was die Beziehungsaufnahme mit meinen Klient*innen betrifft als auch in der Arbeit mit den mir in meiner Rolle Nachfolgenden – der Prozess findet immer als Dialog statt. Genau, was wir hier miteinander tun. Als Austausch, denn „der Geist geht durch“ – aber nicht als Transaktion. Das ist gar nicht so unterschiedlich zu deiner somato-psycho-somatischen Arbeit mit deinen Patient*innen, oder? Ist ja auch anders nur schwer vorstellbar, leider. Manchmal, in meinen nächtlichen Nassträumen als ‚Influencer‘, fantasiere ich ja, dass ich den Menschen einfach sage, was sie zu tun und zu lassen haben, und sie machen das dann umgehend, aber OK … 

 

Was mir aber nach wie vor im Gehirn herumkreist und mich irgendwie erschüttert in Bezug auf unser beider Arbeit an der kulturellen Grenze der Frage ‚wie lebt man?‘ angeht: Du sagtest vorhin ziemlich wörtlich „Psyche ist stigmatisiert“. Das ist massiv. Umso massiver, als es einen konstitutiven Teil deines Beitrags zum Wohle der Menschen wie der Menschheit betrifft! 

 

Meine Neugier also:

  • Was genau ist das Stigmatisierte an ‚Psyche‘, und was droht einem, wenn man wagt, diese Stigmatisierung ins Bewusstsein zu heben?
  • Was genau ist also das Risiko, für Patient*in und Behandler*in? Überhaupt: be-HAND-eln: Tun, nicht denken? Was droht einem im schlimmsten Fall?
  • Wer genau ist eigentlich der ‚Stigmatisierende‘? Wer definiert eigentlich, wofür man stigmatisiert wird, und was denen passiert, die es wagen, dieses Stigma zu entzaubern?

Wie gehst du mit all dem für dich um, und wie fließt das in dein Handeln als professioneller Helfer und Teilzeit-Schamane ein?

 

 

Boris VI

Die beiden deutlichsten Sätze, die ich mehrfach von Patienten hörte, nachdem ich, obwohl bereits mit größter Vorsicht und Empathie, auf das Psychische im geklagten Symptom zu sprechen kam, waren: „Herr Doktor, ich hab‘s am Herzen und nicht an der Erbse“ und „ich lasse mich hier von Ihnen nicht einfach in die Psycho-Ecke schieben“. Man hat es also am Herzen, an der Leber, der Niere, im Kreuz oder Magen, oder - an der Erbse. Die Erbse als bagatellisierendes und abwertendes Symbol für Kopf oder Gehirn (Größenvergleich!). Das Gehirn als Sitz der Psyche, ergo Erbse = Psyche. Oder vielleicht doch Seele? Aber ist nicht das Herz der Sitz der Seele? Oder wie sind all die Lieder und Gedichte vom gebrochenen Herzen zu verstehen?

 

Wer es an der Erbse hat, hat nicht alle Tassen im Schrank, Latten am Zaun, hat ein Loch in der Socke oder den Schuss nicht gehört und steht deswegen im Abseits, oder in der Ecke. So wie ich einstmals, in Mathe, nachdem ich meine präpubertär angehimmelte Claudi quer durch den Klassenraum mit der Papierkrampe am Ohr getroffen hatte. Man steht also in der Ecke, hat nicht die Möglichkeit auszuweichen, der Aufmerksamkeit, dem Gespött ausgesetzt, zur Strafe, weil man schuld ist. Spreche ich „die Psyche“ an, was von mir als Kardiologen nicht erwartet wird, droht meinem Patienten das Stigma. Er will nicht als „verrückt“ oder „psychisch krank“ angesehen werden. Mir droht von seiner Seite Unverständnis, wortloser Beziehungsabbruch oder schlimmstenfalls der Gegenangriff mit der gleichen Waffe, der Stigmatisierung bei Google oder im Bewertungsportal als inkompetent und überheblich.

 

Das Wort Stigma kommt aus dem Griechischen und bedeutet “Wundmal”. Stigmatisieren bedeutet im übertragenen, bei uns gebräuchlichen Sinne, jemanden mit negativen oder abwertenden Attributen zu “brandmarken”. Stigmatisierung in der hier angesprochenen Form zeigt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen durch Unverständnis, Ablehnung, Ausgrenzung, Mobbing, persönliche Angriffe, Rückzug aus Beziehungen oder Kontaktvermeidung zu den Stigmatisierten. Wer, wie oben, meint, „er habe es nicht an der Erbse“, vermeidet den Bezug der eigenen Vorurteile auf sich selbst und damit auch die drohende Abgrenzung durch „die Anderen“. Man wäre dann eben nicht mehr normal, nicht handlungsfähig, vielleicht hilfsbedürftig, müsste „auf die Couch“ und wäre letztlich sogar selbst schuld an der eigenen Verwirrung.

 

Wer es „an der Erbse hat“, ist anders: kommuniziert nicht - verbal oder non-verbal - nach den gewohnten Regeln, verhält sich unerwartet, unberechenbar, unangemessen, überrascht mich mit seiner Aggressivität, enttäuscht mich durch Gefühlskälte oder überfordert durch seinen drängenden Wunsch nach menschlicher Wärme, berührt mich mit seiner Traurigkeit, ängstigt mich mit seiner Angst. Dies gefährdet das überkulturell jedem Menschen innewohnende Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle in der Welt. Der psychisch Kranke gefährdet mein eigenes Wohlbefinden, die Sicherheit und Stabilität einer ansonsten planbar funktionierenden Gesellschaft. Wie bei einer viralen Bedrohung sind immunologische Mechanismen der Markierung und Ausgrenzung gefordert, um die eigene Homöostase aufrecht zu erhalten.

 

Und dazu dient auch der ständige Vergleich mit anderen. Facebook und Instagram, tausende Influencer leben davon. Die Möglichkeit einen „andersartigen“, psychisch instabilen Menschen abzuwerten bestärkt meine Überlegenheit und Kompetenz und damit meinen Selbstwert.

Wer sind also die Stigmatisierenden? Alle, denen es hilft! Also wir alle! Außer, wir sind immer, bei jedem Thema und in jeder Situation in der Lage, unser eigenes Tun und Denken in Frage zu stellen. Wir sind das Volk - die anderen nicht. Stigmatisierung ist auch ein Mittel zum politischen Machterhalt.

 

Menschen mit psychischen Störungen sind aber auch attraktiv - für Produzenten von Film, Fernsehen und Boulevardzeitungen. „Psychos“ steigern Einschaltquoten und Auflagen. Hier sind die Orte der maximalen Vereinfachung komplexer Probleme.

Und nicht zuletzt: Wer definiert die psychische Erkrankung? Die Festlegung erfolgt im Konsens von Experten, die sich um wissenschaftliche Ergebnisse bemühen und deren Interpretation in die Bewertung von „krank“ oder „gesund“ einfließen lassen. Die Geschichte der Psychiatrie lehrt, wieviel Subjektivität und Willkür im Spiel sein kann. Man denke mit Grauen zurück an das Schicksal psychisch Kranker im Nationalsozialismus und derjenigen, die in jener Zeit zu Kranken erklärt wurden.

 

Um heute einen psychisch erkrankten Menschen mit einer Psychotherapie aufzufangen, muss ein Antrag gestellt werden, der wiederum von einem „unabhängigen“ Experten überprüft wird und im positiven Falle zur Empfehlung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse führt. Warum das? Um Missbrauch zu unterbinden? Um zu kontrollieren, dass alles mit rechten Dingen zugeht, eine korrekte Diagnose gestellt und kein Geld verschenkt wird? Die Kosten für eine ambulante Psychotherapie werden im Wesentlichen durch das Honorar für den Therapeuten verursacht. Ich kenne keine reichen Psychotherapeuten, die ausschließlich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit von Menschen mit psychischer Diagnose liegt zwischen drei und sechs Monaten. Da stecken die Kosten - für Produktivitätsausfall und Sozialleistungen.

 

Für meinen Patienten mit einem Herzinfarkt ist es unkomplizierter. Und ich kann es nach all den vorstehenden Gedanken nachfühlen, wenn einer - wie schon geschehen - zu mir sagt: „Da hab ich’s doch lieber am Herzen. Also, Doktor, besorgen Sie mir da mal eine anständige Diagnose.“

 

Übrigens: BeHANDeln ist etymologisch verwandt mit verHANDeln. Meine Hände berühren den Patienten und mein Verstand treibt Handel mit Ihnen. Ich verhandele ihre Vorurteile und Krankheitstheorien und bemühe mich, dass sie mir meine Therapieempfehlung „abkaufen“, weil beispielsweise der Nutzen eines Medikaments die damit verbundenen Risiken bei weitem überwiegt. Dabei bemühe ich mich, die Sorgen und Ängste meiner Patienten ernst zu nehmen und nicht einfach „abzutun“. Ein tägliches Ringen auch mit mir selbst.

 

An dieser Stelle wähne ich eine Steilvorlage zur psychologischen Betrachtung der aktuellsten „wie-lebt-man-Frage“ - der Corona-Pandemie. Nein, von diesem Impfstoff will ich nicht, spricht der Muggel und nimmt aus Angst vor einer zweifelhaften, seltenen, nicht erwiesenen „Neben“-Wirkung das um ein Vielfaches höhere Risiko einer Infektion mit der im diesem Kontext wesentlich häufigeren Komplikation „Thrombose“ in Kauf. Erst gestern habe ich die Meldung vernommen, dass Deutschland die „Klimaziele“ für das vergangene Jahr erreicht hat. Mit Hilfe der Pandemie und der damit verbundenen „Lockdowns“. Es geht also! Wir können anders leben, beispielsweise weniger reisen, damit Infektionsketten unterbrechen und den CO2 Ausstoß reduzieren.

 

Wir könnten uns einschränken, wollen oder können es aber nicht. Warum? Was ist der Hintergrund für Ignoranz und Irrationalität aus Sicht des Psychologen, lieber Rainer?

 

 

Rainer VII

Es sind zwei Aspekte deiner Reflexionen und der Frage, in die sie münden, die besonders mit mir flirten. Zu beiden will ich meine Gedanken teilen. Beiden ist übrigens gemein, dass sie über die engen Erlaubnisgrenzen unserer jeweiligen ‚Fachgebiete‘ hinausweisen. Dass man sie also mit offiziell zertifizierter Arzt- bzw. Psychologen-Autorität weder verstehen noch beantworten kann, während wir sie genau innerhalb dieser Erlaubnisgrenzen beantworten müssen. Raffiniert. Ich werde drauf zurückkommen … 

 

Der erste Aspekt, den ich aufgreifen möchte, ist der mit der ‚Erbse‘, an der es niemand gerne hat. Die Assoziationen, die bei mir ausgelöst wurden, als ich dir lauschte, waren immer wieder: Ich stelle mir Männer vor, die sowas sagen. Eher sportlich identifiziert, mindestens oberflächlich heterosexuell identifiziert, immer in den Startlöchern von HSW (höher, schneller, weiter). Es will mir nicht halb so leicht gelingen, Bilder von Frauen gleich welcher erotischen Orientierung in mein Gehirn einzuladen. Ich glaube ganz ernsthaft, noch nie ein Mädchen oder eine Frau diese Worte sagen gehört zu haben. Gleich welchen Alters. Vielleicht assoziiert das weibliche Gehirn von Haus aus zu ‚Erbse‘ einfach andere, weniger kompetitive, sondern eher nährende Dinge.

 

Wenn ich diesen Gender-spezifischen Erbsen-Aspekt deiner Bildsprache mal ästhetisch amplifiziere, heißt das:

Es gibt eine bedeutsame, gleichsam überpersönliche Konnotation in der Erbsenpanik, der nicht einfach der persönlichen Psychologie (und Psychopathologie) einzelner weißer, männlicher, heterosexuell identifizierten Patienten/Klienten/Kunden differenziell zuzurechnen ist – sondern der Animus-fixierten Mainstream-Kultur, in der wir beide (du wahrscheinlich noch mehr als ich) unsere wissenschaftliche Basisqualifikation absolvierten. Um es zuzuspitzen: wenn du dies nicht unaufgefordert mitmachst, bist du kein richtiger Mann. Welcher Mann lässt sich schon gerne damit konfrontieren. In der praktischen psychologischen Arbeit generiert die Erbsenpanik also ein Füllhorn an Information darüber, wie sehr mein Gegenüber mit der Gemeinschaft verschmolzen ist, deren Kündigung er fast tödlich finden müsste. Damit kann man doch was machen. Raffiniert!

 

Der zweite Aspekt meiner Resonanz geht noch über die Gender-Ebene hinaus.

„Wer sind also die Stigmatisierenden? "Wir alle“ hattest du vorhin gesagt. Wir alle, die wir Profiteure und also Komplizen unseres spätkapitalistischen Lebensstils sind. Der ja geradezu auf HSW gebaut ist. Der auf ständiges und uferloses Wachstum nicht nur gründet, sondern auch von ihm existenziell abhängig ist. Die Folge: die gesamte sogenannte ‚Volkswirtschaft‘  gerät unmittelbar in Panik (da ist sie schon wieder!), wenn dieses unablässige und zwanghafte Wachstum gefährdet scheint – und sei es situativ. Und damit eben wir alle, als Verbraucher. Als die sind wir nicht nur abhängig vom System (also der systemisch formalisierten Antwort auf ‚wie lebt man?‘), weil es uns versorgt. Das System ist auch abhängig von uns: wenn wir aufhören, wachstumsbesessen zu konsumieren, ständig und zuverlässig HSW, geht gar nichts mehr.

 

Wir sind die Souveräne des Systems, das die Natur und uns ausbeutet und ja, krank macht – während unser Lebensstil darauf gründet, dass das, was wir als Verbraucher brauchen, prinzipiell unbegrenzt zur Verfügung steht, jederzeit für alle von uns überall.  Selbst wenn es viele Jahre dauert, bis die Rückwirkungen unseres Tuns und Lassens wieder bei uns ankommen. Aber, was ist die die so genannte ‚Coronakrise‘ anderes? Konfrontiert sie uns nicht auf fast unwiderstehliche Weise damit, dass wir einzeln wie kollektiv die Frage des richtig gelebten Lebens neu zu beantworten haben? Und zwar akut? Und – jetzt geh ich noch einen waghalsigen Schritt weiter: könnte es sein, dass die eindeutig phallisch konnotierte HSW-Manie am transformativen Ende einer langen, langen Herrschaftsepoche angekommen ist? Apropos Erbsenpanik? Ende des Patriarchats? Äußerst raffiniert!

 

Wie gesagt, Boris, mir ist klar, dass wir hier die zertifikatsbasierten Grenzen unserer professionellen Rechenschaftsfähigkeit strapazieren, aber: ich persönlich könnte und wollte meine Praxis, mein ‚Muggle Care‘, nicht ausüben ohne diesen Bezugsrahmen. Ich glaube, er bildet den Hintergrund für den sinnlich wahrnehmbaren Vordergrund meines Tuns. Um es nochmals zuzuspitzen: ich glaube, ich kann kein guter Psychologe sein, wenn ich nur Psychologe bin.

 

Und du, Boris? Wie sortierst du dich, in welchem Prozess bist du gerade mit all dem?

Kannst du uns ein Update deines ‚Ringens mit dir selbst‘ geben? 

 

 

Boris VII

Zum Thema „Gender“: Du hast absolut Recht! „Die Erbsen-Panik“ findet sich weit überwiegend bei Männern. Frauen fühlen sich eher in die „Psycho-Ecke“ geschoben, vielleicht weil ihnen das täglich auch in anderen Bereichen widerfährt, in irgendeine Ecke gedrängt zu werden. Der „Widerstand“ gegen das Thema Psyche ist bei ihnen aber seltener als bei Männern. Ich erlebe Patientinnen häufiger als offener, aufgeschlossener gegenüber Argumenten, die die Seele als Ursache körperlicher Beschwerden betreffen.

 

Ganz klar habe ich die Hoffnung und unterstütze Deine Hypothese, dass es die Frauen sind, die die Frage des richtig gelebten Lebens neu beantworten werden und das Patriarchat am Ende ist. Und das Patriarchat wehrt sich, wie aktuell in der Türkei, mit dem Austritt aus der Istanbul-Konvention, dem weltweit ersten verbindlichen Abkommen gegen Gewalt an Frauen. Aber Hoffnung und Skepsis halten sich bei mir noch die Waage. Vor wenigen Tagen, in einer der vielen Corona-Nachrichtensendungen, hatte man eine junge Dame, vielleicht Anfang 20, vor die Kamera gezerrt. Es ging um die kurz zuvor verkündete „Oster-Ruhe“, damit die Einschränkungen von Reisen, Kommerz und Kontakt. Generell gilt es ja, vor den Kameras maximal drei Sätze sagen zu dürfen (schneller, schneller...). Ein Ausspruch der jungen Frau hallt bei mir nach: „Ich sitze zu Hause und habe Angst, mein Leben zu verpassen“. Was für eine Wucht der Verzweiflung. So spricht jemand, der inhaftiert ist. In den eigenen vier Wänden zur Untätigkeit, zur Nicht-Teilnahme verurteilt. Keine Idee davon, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Keine Idee von Kontemplation. – Ich weiß, das ist zu viel verlangt. Die Teilnahme am Kommerz mit all seinen Facetten ist für viele Teil ihrer Identität. Der konsequente Gegenentwurf wäre das Kloster. Wären wir alle Nonnen und Mönche, gäbe es keine Pandemie und keine Klimakrise.

 

„Das Prinzip Verantwortung“, das 1979 erschienen ist, gilt als das ethische Hauptwerk des Philosophen Hans Jonas. Wir haben diese Arbeit im Philosophieunterricht in der Oberstufe gelesen. Das ist also 40 Jahre her, in der Embryonalphase des heutigen Internet. Mit dem Prinzip Verantwortung hat Jonas eine „Ethik für die technologische Zivilisation“ entwickelt, die unter dem „ökologischen Imperativ“ steht: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ „Der Mensch ist das einzige uns bekannte Wesen, das Verantwortung haben kann“, sagt er. „Indem er sie haben kann, hat er sie“. 

 

Die Fähigkeit zur Verantwortung bedeutet schon das Unterstelltsein unter ihr Gebot: das Können selbst führt mit sich das Sollen. Die Fähigkeit aber zur Verantwortung ist eine ethische Fähigkeit und beruht in der ontologischen Befähigung des Menschen, zwischen Alternativen des Handelns mit Wissen und Wollen zu wählen. Verantwortung ist also komplementär zur Freiheit (s.o! „Freiheit ist die Einsicht in Notwendigkeit“). Sie ist die Bürde der Freiheit eines Tatsubjekts: ich bin verantwortlich mit meiner Tat als solcher (ebenso wie mit ihrer Unterlassung), und das gleichviel, ob jemand da ist, der mich – jetzt oder später – zur Verantwortung zieht.

 

Das wirft auch die Frage auf, ob Corona und Klima zwei artverwandte Krisen sind? Der Unterschied besteht vielleicht nur darin, dass man die durch das Virus Verstorbenen und die Auswirkungen auf unsere globale Wirtschaft schneller wahrnimmt? Das treffe die Alten und die Schwachen, während die Klimakrise mit einiger Verzögerung diejenigen treffen werde, die heute jung sind?

 

Wir müssen jetzt die Frauen ranlassen, um das Prinzip Verantwortung umzusetzen. Ich habe eine nicht in Worte zu kleidende Hochachtung vor einer Frau wie Alena Buyx. Sie setzt für mich die Maßstäbe für das Ende des Patriarchats. 

 

Aber ich überschreite hier wieder meine „zertifikatsbasierten Grenzen“! Oder auch nicht? Ich bin Heilkundiger, akademischer Handwerker, repariere seit 30 Jahren Störungen der Organfunktionen. Schaue immer wieder zu, wie derselbe „Kunde“ Monate oder wenige Jahre nach der Reparatur mit dem gleichen, selbst zugefügten Schaden wiederkommt, bin fassungslos ob seiner Verantwortungslosigkeit sich selbst gegenüber. Und hilflos wegen meiner Fassungslosigkeit.

 

Die Erweiterung des „somatischen Denkens“ um das Psychologische erweitert meinen Horizont und hilft mir zu verstehen. Den Patienten zu verstehen, warum er sein Verhalten nicht zu verändern in der Lage ist. Und mich zu verstehen, warum ich insgeheim mit Frustration reagiere auf die fehlende Veränderungsmotivation und mein vergebliches Engagement. Aber das ist immer noch nicht alles. Zur Psychologie gehört die Philosophie. Vor wenigen Jahrhunderten bestand das Medizinstudium aus (der im Vergleich zu heute sehr übersichtlichen) Krankheitslehre, Philosophie und Theologie. Richtig so! Wie gerne hätte ich jetzt noch mehr philosophischen Hintergrund als mein rudimentäres Schulwissen.

 

Wir beide erfinden hier das Rad nicht neu. Es ist alles irgendwo und irgendwann schon einmal gesagt und geschrieben worden. Ringen mit mir selbst heißt immer wieder zu dem gleichen Ergebnis zu kommen. Nicht aufgeben. Weitermachen - wie Du es gesagt hast. Irgendeiner muss sich ja kümmern. Den einzelnen in seiner Welt akzeptieren, unterstützen, ihm Alternativen aufzeigen und es selbst zu akzeptieren, wenn diese nicht gewählt werden, sondern das „weiter so“ als der tatsächlich mögliche Weg erscheint.

 

Wie hältst Du Dich fit für die im Grunde immer gleichen Herausforderungen unter der Erkenntnis, dass Wandel für den Einzelnen häufig nicht erreichbar ist und für uns alle - wenn überhaupt - nur über Generationen hinweg, also über Deine Lebensspanne hinaus, erfolgt?

Boris Leithäuser

Rainer Molzahn



Aus-dem-Haus-Aufgabe

Besuche eine öffentliche Veranstaltung (virtuell oder real) zu einem aktuellen Thema.

Was sind die dominanten Stimmen, wer wird nicht gehört?

 

Zeit: 30 min

 

 

Setze dich auf eine Parkbank, am liebsten an einer Wasserfläche, und sinniere:

Welches sind meine inneren dominanten Stimmungen dazu, und welche sind fast nicht zu hören?

 

Zeit: 30 min

 

 

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