Wie lebt man? - Akt 4: Retardation – als wer antworte ich, und wem wie?

von Rainer Molzahn & Boris Leithäuser

Wie lebt man 4

 

In welchem zeitlichen Horizont bewegen sich "gute" Antworten und Entscheidungen - und wie viel Geduld braucht man? 

 

Im 4. Akt des Dialogs geht es um das Wirken und Dienen - und die Hoffnung auf den Pusteblumen-Effekt ...

 

 

 


Akt 4:

In welchem die die Handlung nochmals extrem verlangsamt wird, um die Spannung auf den Gipfel zu treiben und auf die bevorstehende Katastrophe – oder Auflösung – hinzuarbeiten. Oder, um es in den Begriffen des 5-Grenzen-Prozessmodells zu sagen: die Grenze gegen die Veränderung des Selbstkonzepts …


Rainer VIII

(antwortet auf Boris VII, Akt 3)

 

Wow. Eine kostbare Frage. Meine kurze Antwort: ich rechne jederzeit mit allem. Dem Besten und dem Schlimmsten. Darin bin ich eine Art Samurai. Ich weiß, dass alles Gute und alles Schlechte immer und unweigerlich durch uns als Personen in die Welt kommt, weil das Universum nun mal durch uns klingt (Person < per-sonare). Alles, was wir tun oder nicht tun, alles, was wir sagen oder nicht sagen, alles, was wir ändern oder so lassen hat Wirkung, und zwar ‚bis ins fünfundzwanzigste Glied‘! Ich kann nicht anders, als mich immer wieder für die höchsten Hoffnungen und die miserabelsten Enttäuschungen bereit zu machen. Bei jedem Klienten aufs Neue. Ich gehe mit ihnen ins Bett, aber ich schlafe mit dem Revolver unterm Kopfkissen. Bildlich gesprochen. Das macht mich freier in meiner Aufmerksamkeit, glaube ich. Im Kern betrachte ich meine praktische psychologische Arbeit als Präsenz-Meditation. Manchmal werde ich übrigens auch überrascht und irgendwie getröstet, wenn ich mal lange Zeit später ein Feedback zu den langfristigen Auswirkungen einer meiner Interventionen erhalte, an die ich mich selbst gar nicht erinnert hätte. Sehr wundersam. 

 

Die längere Antwort, Teil 1: die Zeitrechnung, in deren Einheiten ich meine Wirksamkeit (oder ihr Ausbleiben) kalkuliere, hat sich in den letzten paar Jahren oder gar Monaten sehr verändert. Wahrscheinlich in Koinzidenz mit der COVID-Pandemie. Ich hatte Zeit, ‚Die Wurzeln des Lebens‘ zu lesen, von Richard Powers. Es handelt von der kollektiven Intelligenz, der Weisheit der Bäume – deren Lebenszeit nicht selten das 200fache der menschlichen Spanne erreicht oder übersteigt.

 

Die Lektüre, in einer Zeit, in der wir alle auf unsere privaten Gemächer zurückgeworfen waren, hat mich erlöst von einer professionellen Getriebenheit, alle Prozesse von Bedeutungsgebung und Veränderung beschleunigen zu wollen. Weil eben alles so schmerzhaft lange dauert. Jeder kleine Schritt individueller und sowieso kollektiver Entwicklung. Vom eigentlich immer darüber enttäuscht, gekränkt und verwirrt sein. vielleicht ist es auch Teil des Alterns, der Entwicklung von Ältestenschaft. Jedenfalls hat sich seit der Lektüre des Buches von Powers mein Verständnis von Wirksamkeit transformiert: nicht mehr so phallisch Praecox-gefährdet, sondern mehr arboreal, pflanzlich: aussäen, und ausatmen. Irgendwann, irgendwo wird irgendwer oder irgendwas empfänglich sein dafür. Sonst wäre unser Universum nicht, wie es ist. Der Aspekt, dass dieser Prozess vielleicht weit über meine kleine Lebensspanne hinaus dauert, hat in diesem Lichte eher etwas Beruhigendes als Alarmierendes. Das ist die zeitliche Perspektive.

 

Die längere Antwort, Teil 2: Es gibt noch eine, wenn man so will, örtliche Dimension. Ich arbeite daran, nicht nur als einzelne Pusteblume, sondern als ein transformatives Pusteblumen-Orchester wirksam zu werden. Je mehr kleine Samen durch die Lüfte der Veränderung tanzen, desto großer die Wahrscheinlichkeit, des eins von ihnen Eingang in ein offenes Ohr findet, irgendwo. Ein bewährtes Rezept der Evolution. In Bezug auf unseren thematischen Fokus heißt das: ich versuche Menschen zu inspirieren und dafür zu gewinnen, ein bisschen mitzupusten. Der Fachausdruck hier ist glaub ich ‚Community Organizing‘. Das tue ich in der Coaching Community, das tue ich hier im Wandelforum. Graswurzel-Arbeit. Beziehungsarbeit. Sehr demütig, immer wieder auch mal sehr berührend. Echter Dienst im Sinne der guten Sache. Aber was soll’s: gemeinsam pusten heißt mehr Wind erzeugen! 

 

Und natürlich weist der Ehrgeiz meines Tuns in zeitlicher wie örtlicher Hinsicht wie in meiner Beziehungsaufnahme über meinen zertifikatslimitierten Autoritätsrahmen hinaus. Wie deiner auch. Sonst wären wir im engeren wie im weiteren Sinne auch nicht bei Sinnen. Bei mir übrigens auch mehr und mehr über digitale, also virtuelle Kanäle. 

 

Meine Frage an dich, jetzt, zum Abschluss des ersten Kapitels unseres Dialogs zur Frage ‚wie leben?‘, aus der Perspektive unserer jeweiligen und gemeinsamen Erlaubnis-Areale und über sie hinaus: Wie gehen wir von hier aus weiter? Vertiefen? Verengen? Zuspitzen? Erweitern? Weitere Perspektiven und Professionen einladen?

 

Drei Dinge sind sicher: (1) Ich habe jedes Ping-Pong unseres Diskurses genossen und als inspirierend empfunden. (2) Die Frage, wie wir zu leben haben, bedarf einer neuen Antwort. Persönlich, professionell und politisch. (3) Ich verstehe uns als Diener*innen dieser Transformation. Und nun kommst du. 

 

 

Boris VIII

 

Die drei ‚sicheren‘ Dinge: 

 

1) Dieser Diskurs war tatsächlich und bleibt hoffentlich sehr inspirierend. Für mich wichtig und immer wieder neu und überraschend: Hinsetzen, nachdenken, formulieren, aufschreiben. Ein nur dem Menschen gegebener Prozess der in den letzten Jahren vielzitierten „Entschleunigung“. Wenn wir alle diesen Prozess noch mit zwei, drei Esslöffeln Selbstreflexion verfeinern, ist die Chance, dass etwas Sinnvolles, zumindest etwas ernsthaft Diskussionswürdiges dabei herauskommt, groß. 

 

2) Die Antwort auf die Frage „wie leben?“ erhalten wir nach dem von Dir beschriebenen „Prinzip Pusteblume“. Langsam, evolutionär, im Rahmen der notwendigen Anpassung aller Lebewesen auf Veränderungen der Umwelt. ‚Wie leben?‘ heißt auch ‚wie anpassen?‘ Keine Regierung, kein Diktator, keine Ideologie wird diesen Anpassungsprozess der Menschheit weder positiv, noch negativ, per Dekret oder mit Waffengewalt langfristig beeinflussen. Wir erleben, wie die Pandemie, die „nur“ uns Menschen betrifft, die Umwelt verändert. Das Wasser und die Luft werden besser, Fauna und Flora regenerieren. Diese Erfahrung wird hängen bleiben. Nicht bei allen. Es werden wieder Menschen für 14 Tage in die Dominikanische Republik fliegen, dabei pro Person für Hin- und Rückflug 550 Liter Kerosin verbrauchen und mehr als 1 Tonne CO2 freisetzen. Dafür werden aber ein paar mehr eine Fahrradtour durch die Lüneburger Heide machen. 

 

3) Diener der Transformation empfinde ich nicht als einen für mich optimal passenden Begriff. Dazu bräuchte die Transformation einen Selbstzweck, dem zu dienen wäre. Hat sie aber nicht. Sie muss getragen werden, von möglichst vielen, die in dem Moment, wo der Zug sich in Bewegung setzt, zu Dienern ihrer selbst werden. Im Moment komme ich mir eher vor wie der Rufer in der Wüste.

 

Wir brauchen also tatsächlich mehr „Denkkräftige“. Das Erweitern unseres Kreises erscheint mir daher angemessen. Dabei auch Zuspitzen. Wir beide sind uns im Grunde viel zu einig und haben in dieser Einigkeit ja unser präferenzielles Pulver in- und außerhalb der Zertifikate schon fast verschossen. Vertiefen durch Kompetenz außerhalb unserer Zertifikate erscheint mir die logische Konsequenz. In der nächsten Stufe würde Spannung aufkommen, hätten wir Vertreter aus den Häusern Ethik und Ökonomie an Bord.

 

Ansonsten fahren wir erst einmal fort, nicht so wie vor der Pandemie, mit geändertem Programm, Abstand, Achtsamkeit, dem Gedanken, dass nach der Pandemie nicht wie vor der Pandemie sein wird und dass danach die nächste kommen wird, es sei denn, wir hätten etwas dazu gelernt. In diesem Punkt bin ich aber auch ganz eng bei Dir. Ich stelle mich ebenso darauf ein, dass für den Lernprozess nicht genug Zeit vergangen sein wird. Was Hänschen nicht lernt... Für mich ist die Sache klar: Wir denken und fühlen für die nächste(n) Generation(en). 

Boris Leithäuser

Rainer Molzahn



Aus-dem-Haus-Aufgabe

Nimm dir einen Nachmittag Zeit und geh in die Natur.

Nimm keinen Kontakt auf und stell das Handy auf stumm.

 

Finde einen Platz, der sich stimmig anfühlt. 

 

Sinniere darüber, wie du handeln könntest, wenn du die Summe deiner Aus-dem-Haus-Erfahrungen bis hierher ziehst.

Sinniere darüber, was das für deine wichtigen Beziehungen beinhalten könnte.

Nimm Kontakt zu der dich umgebenden Natur auf.

Atme.

 

Zeit: 180 min

 

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