Unser Projekt "Was ist deutsch" - Interview mit Rainer

von Peggy Kammer

Unser Projekt "Was ist deutsch" - Interview mit Rainer

 

Unser neues Projekt "Was ist deutsch" ist gestartet, die ersten Interviews laufen und die Ideen wachsen, was wir mit dem Thema alles machen können.

 

 

Ein guter Anlass, um mit dem Initiator des Projektes, Rainer Molzahn, ein Gespräch zu führen. 


In den letzten Wochen ist das neue Projekt „Was ist deutsch?“ im Wandelforum gestartet.

Die Idee kam von dir, wie ist sie entstanden?

Die Idee formte sich konkret im Jahr 2006 und war inspiriert durch zwei parallele Anlässe: Zum einen waren Elke und ich mit dem Text von "Die heiligen Kühe und die Wölfe des Wandels" beschäftigt, das dann im Frühling 2007 herauskam – und übrigens in den nächsten Wochen in einer Neuauflage wieder erhältlich sein wird. 

 

Damals verstand ich sehr klar den Zusammenhang zwischen dem Gründungsmythos einer Gemeinschaft, ihrem Sinn für Identität und ihrer Fähigkeit zur Innovation. Die Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Innovation ist mir 2006 deutlich geworden: Globalisierung, große Koalition, New Economy usw. An dieser Notwendigkeit hat sich seitdem nichts geändert, im Gegenteil. Sie wird noch zwingender durch die globale Erwärmung und deren Folgen für uns alle.

 

Das Nachkriegsdeutschland wurde gebaut auf den Trümmern des dritten Reiches, und die Frage nach so etwas wie einer deutschen Identität war jahrzehntelang in der deutschen Öffentlichkeit so toxisch, dass sich nur rechtslastige bis rechtsradikale Kreise darin frei fühlten, sie in ihrem Sinne zu beantworten. 

 

Das parallele Erlebnis 2006 war natürlich die Fußball-WM in Deutschland, als die deutsche Mannschaft immerhin „Weltmeister der Herzen“ wurde und man zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten überall im Lande die Menschen wieder nationale Symbole schwenken sah – und dabei nicht in tiefem Erschrecken zusammenzuckte, weil es nett wirkte und eher Party-Feeling suggerierte als Parteigefühl und Stechschritt.

 

Seitdem ist mir also die Absicht durch den Kopf gegangen, einen gesellschaftlichen Dialog zur Frage „was ist deutsch“ zu befördern. Mittlerweile gibt es das liebe Wandelforum, und das ist genau die Plattform, die einladen kann, zu diesem großen Dialog beizutragen: Was heißt deutsche Identität heute, und was kann ein deutscher Beitrag dazu sein, die Eine Welt zu schaffen, die die Heimat aller Menschen auf der Erde ist?

Oha, ein großes Thema und eine coole Perspektive. Mich hat das Thema ja anfangs nicht so gerockt. Ich dachte: wozu die Frage nach dem „Deutschsein“ stellen, wo ich mich doch eher als Europäerin fühle.

Und, aber das nur unter uns, „ich und deutsch“ hatte keine Bedeutung für mich. Das verändert sich gerade.

Worin liegt denn aus deiner Sicht die Relevanz des Themas für den Einzelnen?

Die Relevanz für jeden Einzelnen beginnt aus meiner Sicht spätestens in dem Augenblick, in dem man – ob man das nun aufgesucht hat oder ob es einen aufsucht – mit dem Nicht-Deutschen, also mit dem Fremden konfrontiert wird. Also wenn man ins Ausland geht oder ausländische Menschen nach Deutschland kommen. In beiden Fällen begegnen einem die anderen nämlich als Deutscher oder als Deutschem – auch, wenn man sich privat damit identifiziert, Europäer oder Weltbürger oder sonst was zu sein. Die anderen wissen ja nicht, womit man selbst innerlich identifiziert ist. Die sehen und hören einen nur. Und umgekehrt ist es natürlich entsprechend.

 

Beide Anlässe, ins Ausland zu gehen oder das Ausland zu Haus empfangen, sind natürlich in den Zeiten der Globalisierung keine Ausnahmen mehr, sondern gehören sozusagen zum Tagesgeschäft des Lebens auf unserem Planeten. Und das übrigens nicht nur für uns Deutsche, sondern für alle Menschen überall. 

Negativ ausgedrückt, hat also das Thema ‚ich und deutsch‘, wie du es nennst, aus meiner Sicht nur so lange keine Relevanz, wie das eigene Leben keine Begegnung mit dem Fremden beinhaltet.

 

Wenn man also als Deutscher in Deutschland geboren wurde und in Deutschland lebt und nur andere Leute aus Deutschland trifft. Man kann natürlich so leben, meistens, aber dieses Leben beinhaltet keine Bewusstheit darüber, wer man eigentlich ist. Und diese Unbewusstheit hat Folgen. Sie impliziert nämlich die Vorannahme, dass das Eigene normal und das Fremde unnormal ist. Aus dieser Vorannahme resultieren nebenbei gesagt Nationalismus und Kriege, aber auch Rassismus, Sexismus und alle möglichen anderen unsympathischen Dinge.

 

Positiv ausgedrückt, beinhaltet die Begegnung mit dem Fremden ein unglaubliches Geschenk: die Chance, sich seiner selbst bewusst zu werden, Selbstkenntnis zu erlangen. Selbstkenntnis ist der Königsweg dazu, im Leben tatsächlich das zu bewirken, was den eigenen Absichten entspricht. Der alte delphische Imperativ ‚Gnothi Seauton! Erkenne dich selbst!‘.  

 

Es ist kein Zufall, dass dieses Zitat von Tolstoi auch das Leitmotiv des Projektes ‚Was ist Deutsch‘ ist:

„Es gibt in der Weltliteratur eigentlich nur zwei Geschichten, die erzählt werden: Die erste: eine Person verlässt die Heimat und geht in die Welt hinaus. Die zweite: ein Fremder kommt in die Stadt.“

Beide Erfahrungen verändern einen auf tiefe Weise.

 

Was übrigens in diesem großartigen Diktum auch geborgen ist, ist die tiefe Verwobenheit dessen, was wir als höchst persönlich und subjektiv und geradezu intim empfinden, mit dem, was man als kollektiv und geradezu global kennzeichnen muss. Da ist nicht nur das Kriterium für Weltliteratur, es ist auch die tiefste Überzeugung, die unsere Arbeit im Wandelforum trägt. Und dieses Projekt.

Absolut. Worauf freust du dich denn am meisten, wenn du an die vielen Ideen zu dem Projekt denkst?

Und was könnten wir als Wandelforum im besten Falle bewirken?

Also, ich freue mich natürlich auf die Interviews, mit Ausländern in Deutschland und mit Deutschen im Ausland. Ich freue mich auf alle Geschichten, die da erzählt werden – vom Kulturschock der ersten Augenblicke, Stunden oder Tage über die Zeit des sich langsam Eingewöhnens, des Entdeckens und sich Zurechtfindens bis hin zu einer differenzierten Betrachtung der ehemals ‚fremden‘ und der ehemals ‚eigenen‘ Kultur von einem Standpunkt aus, der nicht mehr aus einer naiven Identifikation mit einer Kultur entspringt, sondern eine Wahrnehmungsposition voraussetzt, die letztlich global ist und den Planeten als unsere gemeinsame Heimat anerkennt und würdigt.

 

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass so ein, wenn man so will, globalisiertes Bewusstsein entstehen kann, ist natürlich, dass man vor die Tür tritt und das eigene Heimatgrundstück verlässt. Also Reisen. Wandern. Migrieren. Da geht nichts drüber. Während das aber so ist, bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie viele Leute so etwas tun, ohne die Geschichten ihrer Begegnung mit dem Fremden mit der ‚Gegenseite‘ zu teilen.

 

Ein ganz hausbackenes Beispiel: Wie oft unterhalten sich deutsche Hotelgäste auf Mallorca, oder in der Türkei oder am Roten Meer oder sonst wo  mit den dortigen Hotelangestellten darüber, wie die es erleben, Deutsche in ihrer Heimat zu empfangen?

 

Und da sind wir bei dem Unterschied, den wir im Wandelforum hoffen, machen zu können, wenn es um die Begegnung und Betrachtung von Kulturen geht: ein Ort zu sein, an dem man eingeladen ist, seine Geschichte zu erzählen, und aufgefordert, den Geschichten der anderen zuzuhören und sie näher zu erkunden. Ich glaube, dass dieser wechselseitige, im Prinzip einfache Akt transformative Potenz hat. Sonst wäre Weltliteratur nicht Weltliteratur, nebenbei gesagt.

 

Ich freu mich auch darauf, diese Plattform, diesen Ort zum Geschichtenteilen, den Deutschen aus dem Westen und den Deutschen aus dem Osten zur Verfügung zu stellen. Beide haben auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung (die ja eigentlich eine mehr oder weniger freundliche Übernahme war) immer noch sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Thema ‚was ist deutsch‘. Man kann das unter anderem ablesen an dem größeren Zulauf, den nationalistische politische Strömungen im Osten haben.

 

Unser Plan im Wandelforum ist, dieses Austauschen von Geschichten in Dialog-Foren zu befördern, sowohl virtuell im Netz als auch in Echtzeit und 3D in Live-Veranstaltungen.

 

Um die vielfältigen Aktivitäten rund um die zentrale Frage des Projektes zu stemmen, suchen wir übrigens dringend mehr Menschen. Wenn Ihr Euch also von den Gedanken und Fragestellungen angesprochen fühlt, die ich in diesem Interview nur gedrängt ausführen konnte: meldet Euch!

 

Hier auf der Website des Wandelforums findet ihr mehr Infos, unter anderem auch Interview-Formulare, die man herunterladen kann.


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