Indigenes Wissen: 16 Indigene Leitprinzipien, um eine nachhaltige und harmonische Welt zu kreieren

von Franziska Hengl

Indigenes Wissen

Im Wandelforum beschäftigt uns, wie Individuum, Gemeinschaft und Erde miteinander verbunden, wie wir alle voneinander abhängig sind.


Naturnah lebende Völker, viele Indigene Völker, leben uns das vor. Und sie teilen mit uns ihr Wissen, das aus Beobachtung und Erfahrung entstanden ist: Indigenes Wissen. Sie eröffnen uns damit eine Welt, die nicht analytisch zerlegt, sondern eine Einheit ist.


Indigenes Wissen kann uns auf einfache und unmittelbar einleuchtende Weise tiefe Einblicke in die Verwobenheit allen Lebens geben.

In einem Interview mit Chief Phil Lane Jr., einem Häuptling und Ältesten, hörte ich von den 16 Indigenen Leitprinzipien und empfand eine augenblickliche Resonanz. In einem 40jährigen Prozess wurden diese Leitprinzipien durch Älteste, spirituell Führende und Mitglieder verschiedener indigener Gemeinschaften in ganz Nordamerika zusammengetragen. 

 

„Diese Prinzipien bilden die Grundlage für unseren Heilungsprozess und die Entwicklung von uns selbst (mental, emotional, physisch und spirituell), unserer menschlichen Beziehungen (persönlich, sozial, politisch, ökonomisch und kulturell) sowie unsere Beziehung zu Mutter Erde.“ (Chief Phil Lane Jr.) 

Wenn jede und jeder Einzelne beginnt, nach diesen Prinzipien zu leben, leben wir in Frieden. Wir brauchen dann nicht Altes oder Schlechtes zerstören, sondern leben die Alternative. Und das, was nicht lebensfördernd oder nachhaltig ist, wird wieder zu Erde werden und vergehen oder sich transformieren. Dieser Weg des Friedens, den auch Gandhi gegangen ist, Marshall Rosenberg, Siddharta Gautama oder Jesus von Nazaret, erscheint mir sehr attraktiv. Er braucht ebenso Stärke, Wille und Kraft wie Liebe, Vertrauen und Verantwortung.

 

Die 16 Indigenen Leitprinzipien - so einfach, so klar, so kraftvoll:

Aus dem Inneren beginnend

1. Der Mensch kann seine Welten transformieren

Die Beziehungen mit Anderen und der natürlichen Welt, welche zu den Problemen geführt haben, denen wir als menschliche Familie gegenüberstehen, können verändert werden.  

  

2. Veränderung kommt von innen

Der Prozess einer menschlichen oder gemeinschaftlichen Veränderung entfaltet sich im Inneren einer jeden Person, Beziehung, Familie, Organisation, Gemeinschaft oder Nation.

 

3. Keine Vision, keine Entwicklung

Eine Vision davon, wer wir werden können und wie eine nachhaltige Welt aussehen würde, wirkt als kraftvoller Magnet, der uns zu unserem Potential hin zieht.

 

4. Heilung ist ein notwendiger Teil von Entwicklung

Es ist ein notwendiger Teil nachhaltiger Entwicklung die Vergangenheit zu heilen, alte Wunden zu schließen und nicht funktionierende und zerstörerische Muster zwischenmenschlicher Beziehungen durch gesunde Denk- und Handlungsweisen zu ersetzen.

Im Kreis arbeitend

Indigenes Wissen: Verbindung
FotoHiero / pixelio.de

5. Verbindung

Alles ist mit allem verbunden. Deshalb wirkt sich jeder Aspekt unseres Heilens und unserer Entfaltung auf alle anderen aus (persönlich, sozial, kulturell, politisch, ökonomisch etc.). Wenn wir an einem Teil arbeiten, ist der gesamte Kreis betroffen.

 

6. Keine Einheit, keine Entfaltung

Einigkeit heißt Einheit. Ohne Einigkeit ist die gemeinschaftliche Einheit, die scheinbar getrennte menschliche Wesen zu einer Gemeinschaft zusammenführt, unmöglich. Uneinigkeit ist die primäre Krankheit von Gemeinschaften.

 

7. Keine Partizipation, keine Entfaltung

Partizipation ist das aktive Engagement von Verstand, Herz und Energie jedes Menschen im persönlichen Heilungs- und Entfaltungsprozess.

 

8. Gerechtigkeit

Jede Person (unabhängig von Geschlecht, Rasse, Alter, Kultur, Religion, sexueller Orientierung) muss gleichen Zugang zu diesem Heilungs- und Entfaltungsprozess haben, sowie zu einem fairen Teil des Nutzens.   

In heiliger Art und Weise

9. Geist

Menschliche Wesen sind materieller und spiritueller Natur. Deshalb ist es nicht vorstellbar, dass menschliche Gemeinschaft ganzheitlich und nachhaltig wird, ohne unser Leben auf spiritueller Ebene in Balance zu bringen.

 

10. Moral und Ethik

Nachhaltige persönliche und gemeinschaftliche Entwicklung braucht ein moralisches Fundament, welches in der Weisheit des Herzens zentriert ist. Wenn dieses Fundament nicht vorhanden ist, verfallen moralische und ethische Prinzipien und Entwicklung stoppt.

 

11. Die Verletzung des Einzelnen ist die Verletzung aller: Die Ehrung des Einzelnen ist die Ehrung aller

Der grundlegendste Fakt unserer Einheit als menschliche Familie ist, dass die Entwicklung Einiger auf Kosten des Wohlergehens Anderer nicht akzeptabel oder zukunftsfähig ist.

 

12. Authentische Entwicklung basiert auf Kultur

Heilung und Entfaltung muss seine Wurzeln in der Weisheit, dem Wissen und den Lebensprozessen der jeweiligen Kultur haben.  

Heilen und entwickeln wir uns selbst, unsere Beziehungen und unsere Welt 

Indigenes Wissen: Beziehungen
Bernd Kasper / pixelio.de

13. Lernen

Menschen sind lernende Wesen. Wir beginnen zu lernen, wenn wir noch im Mutterleib sind, und wenn nicht etwas passiert, was unseren Verstand verschließt oder unsere Kapazitäten lähmt, lernen wir weiter unser Leben lang. Lernen ist der Kern von Heilung und Entwicklung. 

  

14. Nachhaltigkeit

Etwas zu erhalten heißt, es zu befähigen, für lange Zeit bestehen zu bleiben. Eine authentische Entwicklung verbraucht oder verhindert nicht, was es braucht, um zu bestehen. 

  

15. Zum Positiven hin bewegen

Lösungen für die kritischen Probleme in unserem Leben und unseren Gemeinschaften sind am besten zu finden, indem wir die positive Alternative, die wir kreieren wollen, visualisieren und uns hineinbegeben. Wir lösen sie eher, indem wir unser Stärken, die wir schon haben, ausbilden, statt Energie zu verschenken und das Negative zu bekämpfen.   

 

16. Sei der Wandel, den du sehen willst

Die stärksten Strategien zur Veränderung beinhalten immer positive Vorbilder und die Bildung lebendiger Beispiele der Lösungen, die wir vorschlagen. Durch das Gehen des Weges, machen wir den Weg sichtbar.

Für das Leben einstehen

Die 16 Leitprinzipien sind nichts anderes, als moralische, ethische Werte. Werte, die ich vermisse, die auch von den Religionen nicht (mehr) gelebt werden, die in unserer weltlichen Kultur nur noch in geringem Maße verbreitet werden. Wir brauchen keine unübersichtlichen, veralteten Gesetze, mit denen wir Menschen zwingen, so und so zu sein - und sie allein damit schon einladen, diese Gesetze zu brechen: von denen, die nicht gesehen werden oder denen Gewalt angetan wurde. Mein Traum ist, dass diese Prinzipien Gesetze ablösen und ersetzen können - wenn sie als Grundwerte in der Kultur gelebt, geehrt und kommuniziert werden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, ich weiß, und wir haben eine Menge zu tun.

 

Kontinuierlich arbeite ich daran, wie wir das ganz praktisch machen können und wie wir mehr und mehr Menschen auf diesen Weg bringen können und uns gegenseitig begleiten und ermutigen. Es ist, so scheint es mir momentan, oftmals der schwierigere Weg: schwieriger, als zu schreien oder zu schlagen oder Menschen ändern zu wollen, also irgendwie Gewalt anzuwenden. Auch erscheint es schwierig, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, für das eigene Handeln, die Gefühle und Denkweisen.

  

Dennoch gehe ich nach bestem Wissen und Können diesen Weg. Denn nicht das Böse wird unsere Welt zerstören, sondern die Feigheit, unser eigenes Leben in die Hand zu nehmen und für das Leben einzustehen.

 

Wir haben die Kraft und Möglichkeit dazu und könnten damit eine Welt kreieren, die jenseits meiner Vorstellungskraft schön ist und wachsen kann.


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