Kollektive Intelligenz, eine Definition - Teil 6

von Rainer Molzahn

Kollektive Intelligenz Definition Teil 6
S.Hofschlaeger / pixelio

„Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mit noch nicht ganz sicher.“


Ich jedenfalls bin mir ziemlich sicher, dass Albert Einstein sich in diesem legendären Zitat weniger auf die Dummheit Einzelner bezog, sondern vielmehr auf unsere wirklich beeindruckende Fähigkeit, gemeinsam dümmer zu sein als alleine. Wir haben viele gute Gründe, dieses universelle Phänomen näher zu erforschen.

Information und Bedeutung

Nachdem ich in Teil 5 dieser Reihe erläutert habe, wie kollektive Dummheit an den Grenzen 1 und 2 des Signalverarbeitungsprozesses stattfinden kann, möchte ich diesmal Grenze 3 näher untersuchen: wenn es darum geht zu erarbeiten, was die Informationen, die einem gemeinsam zur Verfügung stehen, im engeren Sinne bedeuten.


Der Prozess der Bedeutungsgebung findet in der Regel in der öffentlichen Arena eines Systems statt. Sein Ergebnis sind Entscheidungen über das weitere gemeinsame Handeln. Die Qualität dieses gegenseitigen Beeinflussungsprozesses ist also ausschlaggebend dafür, welchen kollektiven IQ die Handlungen des Systems verdient haben werden.


Wie kann man es hier besonders wirkungsvoll anstellen, gemeinsam dümmer zu sein?


Die Zahl der Möglichkeiten ist groß, hier eine kleine Auswahl. Sie haben alle zu tun mit der eigenartigen Komplexität des Verhältnisses zwischen Person und Rolle (ausführlich untersucht in ‚Tough Love‘).

Person und Rolle in der öffentlichen Arena

In der öffentlichen Arena kommen die Mitglieder nicht so sehr als Personen zusammen, sondern in ihren Systemrollen. In diesen haben und verfolgen sie rollenbedingte Interessen. 

 

Sie sind in ihren Rollen abhängig voneinander, aber sie konkurrieren auch mehr oder weniger offen um Geld, Ressourcen, Einfluss und Zugang zur Macht. Wenn sie sprechen, dann immer aus der Perspektive und den Interessen ihrer Rolle – und es würde auch Vorwürfe hageln, falls sie das gar nicht tun, weil sie dann eben ihre Rolle nicht spielen. Wenn sie es zu offen tun, gibt es auch berechtigte Kritik, weil Geltungssucht und rücksichtslose Eigeninteressen unterstellt werden.

 

Weil die Rolleninteressen natürlich nicht mit den Interessen der Anderen oder des Ganzen übereinstimmen müssen (und es oft auch nicht tun, besonders in den Zeiten von Veränderung), gibt es im Kopf jedes Beteiligten, während nach außen auf der Sachebene diskutiert wird, einen privaten inneren Dialog zwischen der Person und ihrer Rolle:

Wie weit kann ich gehen, wie offen kann ich sein, was muss ich auf jeden Fall sagen, was darf ich auf keinen Fall sagen, und so weiter.

 

Heraus kommt dann ein gemeinsamer, aber einsamer Spaziergang im Spiegelkabinett des öffentlichen Raums. Ein Schaulaufen auf der Geisterbahn: nichts ist so wie es scheint, Lippenbekenntnisse und Beflissenheitsadressen regieren, Interessen werden verdunkelt, Allianzen bleiben heimlich, Argumente für oder gegen irgendetwas darf man auf keinen Fall wörtlich nehmen, glauben tut man am besten gar nichts.

 

In einer solchen Kultur des öffentlichen Raums kann nicht besonders viel gemeinschaftliche Klugheit entstehen.

Das systemische Repräsentationsproblem

Kollektive Intelligenz Definition Teil 6
Horst Benner / pixelio,de

Das Ganze verschärft sich noch, wenn die Systemrollen, die die Mitglieder des kollektiven Bedeutungsgebungsbemühens in der öffentlichen Arena innehaben, beinhalten, dass sie andere repräsentieren, die selbst nicht da sind und für die sie sprechen. Dies ist natürlich bei den meisten Leitungsgremien der Fall.


Das führt zum einen dazu, dass die eigene Person noch viel mehr hinter der Rolle verschwindet, als es der Fall wäre, wenn man einfach sich selbst repräsentierte: Man muss bei jeder Äußerung an den Repräsentanten mitdenken, wie das bei den Repräsentierten ankommt, was man äußert, bzw. bei den Fraktionen, Mehrheiten und Minderheiten, für die man spricht, und welche interne Dynamik dadurch befördert wird.



Zum anderen wissen auch die anderen Gremiumsmitglieder noch weniger, wer da jetzt eigentlich spricht, und in wessen Ohren, wenn man spricht, oder nicht spricht. Das führt noch mehr als bei ‚nicht-repräsentativen‘ öffentlichen Settings dazu, dass alle Mitglieder privat ständig fantasieren, rätseln und projizieren, was wirklich gesagt wird und worum es wirklich geht.


Ich habe nicht wenige solcher Runden von Repräsentanten (von Repräsentanten von Repräsentanten …) moderiert, und sie gehören zu den surrealsten meines professionellen Lebens. Niemand ist wirklich da. Es ist auch hier klar, wie wenig kollektive Klugheit in einem solchen Setting möglich ist.


Die Folge: Entscheidungen werden in privaten Hinterzimmertreffen so weit vorbereitet, dass in der öffentlichen Aufführung nur noch Haltungsnoten vergeben werden. Kollektive Intelligenz im engeren Sinne ist das alles nicht.

Privilegien und Komplizenschaften

Personen lassen sich durch die Privilegien, die sie in ihren Rollen genießen, ethisch korrumpieren. So ist das nun einmal, und niemand ist wirklich ganz frei davon, weil man sich einfach an Privilegien gewöhnt. Und dann wird man verwöhnt. Man erwischt sich dabei, oder schlimmer, andere erwischen einen dabei, dass man zwar sachlich argumentiert, aber eigentlich damit bezweckt, liebgewonnene Privilegien nicht zu verlieren.

 

Privilegien sind immer gebunden an eine Rolle, aber wir haben die Tendenz, sie mit der Zeit als unser persönliches Eigentum zu betrachten. Privilegien sind einer der mächtigsten Anreize, die Organisationen zu Verfügung stellen, um sich zu binden und zu identifizieren. Sie sind auch eine Art Teufelswerk, weil die Person durch ihre Rolle zur Geisel genommen wird, weil man selbst letztlich durch die Gewöhnung an sie geschwächt und korrumpiert wird, und weil dadurch die schlechteren eigenen Anteile herausgelockt werden.

 

Wenn man dann noch von einander weiß, wer welche Privilegien genießt, und wenn man auch weiß, wer das über die eigene Person auch weiß, dann entsteht eine Art unausgesprochener gemeinschaftlicher Komplizenschaft in der Bewahrung von Privilegien und Sondervergünstigungen: Wenn ich anfange, das bei anderen in der öffentlichen Arena zu kritisieren, wie verdeckt auch immer, muss ich damit rechnen, dass die das mit gleicher Münze heimzahlen werden und wir letztlich alle verlieren – auch wenn das auf Kosten der Wohlfahrt des Ganzen geht. Das killt natürlich alles, was zu gemeinschaftlicher Schlauheit beitragen könnte. 

Rolle, Person und kollektive Intelligenz

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Gisela Peter / pixelio.de

Kollektive Intelligenz kann nur dann stattfinden, wenn das Kollektiv zusammenkommt. Das ist die öffentliche Arena. Damit ist offenbar, dass man in dieser öffentlichen Sphäre ein geteiltes Bewusstsein über die Zusammenhänge und die Spaltungen zwischen Rollen und Personen zustande bringen muss, will man die helleren Seiten von Öffentlichkeit nutzen und die dunkleren zumindest nicht heraufbeschwören.

 

Damit man gemeinsam klüger, und nicht blöder, sein kann als allein. Daraus folgt sehr praktisch, dass man öffentliche Räume braucht, in denen sich nicht nur über Sachen, sondern auch über (Rollen-)Beziehungen auseinandergesetzt werden kann. Weil dort nun mal im Prozess der kollektiven Bedeutungsgebung die Musik spielt. Weil sich dort entscheidet, wie klug oder wie dumm man gemeinsam ist.

 

Daraus entsteht die Frage: Wem gehört eigentlich die öffentliche Arena? Wer oder was bestimmt, was in ihr sein darf und was nicht? Zu dieser spannenden Frage mehr im nächsten Teil, wenn es heißt: kollektive Intelligenz, muss das sein?


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