Die Welt im Monat Juli: Allons, Enfants du Monde!

von Rainer Molzahn

Amoklauf in München
Quelle: AP/dpa

Klassische Feindbilder? Schnee von gestern.

 

Die Ereignisse im Juli haben auf dramatische Weise gezeigt, wie vielfältig sich Hass äußert und wie komplex seine Entstehung sein kann.

 

Und trotzdem ähneln sich die Attentäter mehr als ihnen lieb sein kann: Die Ironie des Extremismus ...

Ich bin nicht ganz sicher, ob mein Eindruck jeder Statistik standhält, aber gefühlt war dieser Juli der vorläufige Höhepunkt in der Aufeinanderfolge von Amokläufen, Messerattacken, Selbstmordattentaten und terroristischen Anschlägen weltweit. So gut wie jeden Tag, manchmal im Stundenrhythmus, erhielten wir Nachrichten von den schrecklichen Ereignissen, oft live auf Smartphone-Kameras festgehalten. 

 

Und eben nicht mehr nur in Gegenden der Welt, die wir als die üblichen Verdächtigen wahrnehmen, wie die USA, Irak, Pakistan, Bangladesch usw., sondern auch bei uns, in Nizza, Rouen, Würzburg, Ansbach, München. Was mich daran verwirrt und beschäftigt, ist die ideologische Diversität der Täter oder Tätergruppen, aber auch ihre bizarre Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Gemeinsam ist ihnen nur der Feind.

Große Verwirrung

Was ich damit meine, möchte ich am Beispiel des achtzehnjährigen Attentäters von München erläutern, der im Olympia-Einkaufszentrum erst neun Menschen erschoss, und schließlich sich selbst, als er von der Polizei gestellt wurde. Kurz nach Bekanntwerden übernahm der IS schon mal die Verantwortung. Die bekennen sich mittlerweile pauschal  zu beliebigen Gewaltausübungen, wenn sie bestimmte Muster aufweisen. Checken Sie mal Ihr Smartphone, wenn Sie das nächste Mal beim Kegeln einen Pudel werfen ...

 

In diesem Fall wohl ein Irrtum: Es ist anzunehmen, dass der Amokläufer es besonders auf Jugendliche mit Einwanderungshintergrund abgesehen hatte, also auf das Fremde aus deutscher Sicht. Das ist interessant, weil er selbst einen gemischten kulturellen Hintergrund hatte: sein Vater ist Iraner, seine Mutter Deutsche, er besaß zwei Pässe.

 

Seinen Vornamen ließ er bei seinem 18. Geburtstag von ‚Ali‘ in ‚David‘ ändern. Er war sehr damit identifiziert, Arier zu sein, war ein großer Verehrer von Anders Breivik, und er rief bei seiner Erschießungsorgie „Ich bin Deutscher!“ In all dem deutet sich eine tiefe psychologische Tragik, eine große Unsicherheit in Identität und Zugehörigkeit an.

Muster

Es ist sicher kein Zufall, dass seine Gewaltorgie am fünften Jahrestag des Massenmordes seines Vorbilds stattfand. Der hatte am 22.7.2011 77 Menschen erschossen, die meisten von ihnen junge Sozialdemokraten. Hä? Wie passt das zusammen? Der eine tötet die Eigenen, der andere die Fremden? Wer ist der gemeinsame Feind? Wer ist der Feind, den die islamistischen Attentäter mit dem Todesschützen von Orlando mit den bekennenden Ariern wie Breivik und ‚David‘ und anderen Ultrarechten teilen – während sie doch gleichzeitig ihre jeweilig schlimmsten Hassobjekte sind?

 

Jon Ronson ist diesem Phänomen in seinem schon 2003 erschienenen ‚Them – Adventures With Extremists‘ nachgegangen: Er beschreibt, wie sich die Welt- und Feindbilder von sich so polar gegenüberstehenden Extremisten wie Omar Bakri (islamischer Hassprediger und selbsternannter „Stellvertreter von Osama Bin Laden in London“) und etwa der Neonazi-Gruppierung ‚White Aryan Resistance‘ (‚WAR‘) im Nordwesten der USA doch ähneln.

 

Sicher hassen sie einander - und doch, so bizarr das ist, eint sie sehr hintergründig dieselbe Vorstellung ihres Feindes. Was würde wohl passieren, klärte man sie darüber auf? Oje, vielleicht doch lieber nicht …

Omar Bakr Muhammad
Quelle: Daily Mail

Der Feind

Wer ist also dieser Feind? Sicher die Demokratie, wie wir sie kennen und praktizieren. ‚Die Zeit‘ titelt diese Woche: ‚Der Kampf um die Demokratie hat begonnen‘. Der Artikel bezieht das zwar eher auf den Aufstieg von rechtspopulistischen autoritären Machthabern überall, aber diese werden ja getragen von Anhängern, und jene lassen sich tragen von mehr und mehr antidemokratischen Sehnsüchten. Das sind dieselben, die in radikalisierter Form weiße Arier, islamische Hassakteure haben, entwurzelte Jugendliche und andere, die sich als Opfer des westlichen Lebensstils empfinden.

 

Die Täter der Geiselnahme in Dhaka/Bangladesch, bei der 20 Menschen ums Leben kamen, waren übrigens keine Migranten oder Unterdrückte, sie waren die Kinder der gehobenen Schichten des Landes, an Eliteschulen ausgebildet, gute Zukunftsaussichten: „jung, reich, gebildet, die neuen Risikofaktoren“ so die FAZ. Auch Anders Breivik und der Münchener Täter waren keine Randgruppenangehörigen.

Anders Breivik
Quelle: Bild.de

Alors ...

Eins ist sicher, unsere Demokratie müssen wir verteidigen.

 

Ihre Gegner sind in der vielbesungenen Mitte der Gesellschaft angekommen.

Heute muss es heißen: Allons, enfants du monde!

 

Und dann würde mich aber auch interessieren, was es an unserem Lebensstil ist, das ihn so hassenswert für so viele macht. Für jeden verbal und einigermaßen gesittet vorgetragenen Hinweis bin ich dankbar. 


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Kommentare: 4
  • #1

    Anne (Freitag, 12 August 2016 10:45)

    Le monde est fatigué

    Unser Lebensstil ist von einem so gehobenen Standard, dass er kaum noch Wünsche offen lässt. Wir bekommen so viele Dinge, die wir uns nicht einmal zu wünschen gedacht haben. Wo bleiben da die Träume, die Sehnsüchte? Und wenn diese nicht mehr da sind, beginnen sich die Menschen zu langweilen und werden Ihrer Welt überdrüssig.
    Überfluss, Überdruss, Überforderung, Überflutung mit Informationen - und das Schlimmste daran, ist der Verlust des Wertgefühls. Die Dinge verlieren ihren Wert, nicht nur die materiellen Dinge.
    Kinder veranstalten auf Schulhöfen Wettbewerbe, wer den schönsten Sprung ins Display des Smartphones bekommt.
    Nachrichten sind heute nur noch berichtenswert, wenn sie extrem oder radikal genug sind, um in der Flut der anderen Nachrichten noch wahrgenommen zu werden. Letztes Wochenende gab es schwere Unwetter in Mazedonien. 20 Menschen haben dabei ihr Leben gelassen. Diese Nachricht war nicht extrem genug, um lange und viel Gehör zu finden. Das finde ich schlimm.

    Unser Lebensstil ist nicht hassenswert, sondern viele können seinen Wert nicht mehr einschätzen und verschleudern ihn leichtfertig.

  • #2

    Birgit (Donnerstag, 05 Januar 2017 22:51)

    Also ich denke: So viele Vorteile uns unsere demokratisch-liberale Welt auch bietet, so viele Forderungen und Überforderungen hält sie auch bereit. Um mit der Flut an Möglichkeiten zurecht zu kommen, die uns der Alltag bietet, bedarf es einer ziemlich autonomen und reifen Persönlichkeit, die ihre Möglichkeiten und Grenzen gut einschätzen kann und das nötige Umfeld (auch Arbeitsumfeld) findet, um den eigenen Weg zu erkennen. Manche haben Glück und werden da von Anfang an behutsam und unterstützend angeleitet, andere müssten sich erst einmal von alten Zwängen lösen, Verletzungen heilen und ganz andere Voraussetzungen schaffen, um überhaupt bei sich anzukommen. Das können (und wollen vielleicht auch) nicht alle. Da spielen wohl materielle Möglichkeiten keine unwesentliche Rolle. Wie in Rainers Artikel zu lesen ist, gibt es (sogar in unserer Gesellschaft) eine immer größer werdende Kluft zwischen Menschen, die sich allein aufgrund materiellen Mangels ausgeschlossen fühlen von Fortschritt und Selbstverwirklichung, während andere alle Möglichkeiten haben, die Vorteile, die unsere moderne Welt bietet, optimal für sich (im besten Fall auch für andere) zu nutzen und zu erweitern. Das löst Unmut aus.
    Materieller Wohlstand, da gebe ich Anne recht, ist allerdings auch kein Garant für ein erfülltes, Sinn stiftendes Leben. Wenn ich mitbekomme, mit welcher Hingabe Jugendliche und auch Erwachsene täglich viele Stunden ihrer Lebenszeit mit instagram, warcraft und Pokemon go verbringen, schlackere ich mit den Ohren und frag ich mich, was uns unsere Lebenszeit wert ist. Aber gut, bevor ich jammere, versuche ich einen Schlusspunkt:
    Demokratie ist etwas Wunderbares und ich bin heilfroh, nicht in einer Diktatur leben zu müssen. Jene verlangt uns vieles ab, was wir noch nicht kennen. Mögen wir unsere Angst vor dem Unbekannten so gut es geht überwinden:-)

  • #3

    Birgit (Freitag, 06 Januar 2017 11:45)

    Ich nochmal. Noch ein kleiner Nachtrag: Ich bin auf folgendes Youtube-Video der NZZ mit Juli Zeh gestoßen. Es geht in unserer Zeit um die Frage nach den Grenzen des Individualismus - um das Bedürfnis nach kollektiver Identitiät und sinnvollen Identitätsangeboten: https://www.youtube.com/watch?v=pN98JJjAYvI
    Das Gespräch trifft für mich den Kern des Themas.

  • #4

    Peggy Kammer (Montag, 16 Januar 2017 08:45)

    Liebe Anne, liebe Birgit, danke für das Teilen eurer Gedanken!

    Das Video mit Juli Zeh nehme ich gleich mit auf in die nächste Wandelpost.

    Herzlichst, Peggy