Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf?

von Jonas Drawitsch

Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf?

 

Oder doch ein Gott?

 

Was ist die Natur des Menschen?

 

Und was ist, wenn man den Menschen der Gesellschaft selbst beraubt?

„Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sid non novit (lat.: Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch wenn man sich nicht kennt)“, schrieb Plautus in seiner Komödie „Asinaria“ (lat.: Eseleien).

 

 

Der Römer lebte 254 - 184 vor Christus, große Bekanntheit sollte der Satz allerdings erst circa 1700 Jahre später erlangen, als ihn der englische Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes in leicht abgewandelter Form (Homo homini lupus) in der Widmung eines seiner Werke verwendete. In dieser Widmung nutzt Hobbes das Zitat weniger, um die Natur des Menschen im Allgemeinen zu beschreiben, sondern das Verhältnis von Staaten zueinander. Im Bezug auf das menschliche Miteinander schreibt Hobbes stattdessen: „Der Mensch ist ein Gott für den Menschen.“

 

Heute wird „Homo hominis lupus (est)“ als die Theorie verstanden, welche als Antwort dienen soll, wenn nach dem Grundwesen des Menschen gefragt wird.

 

Was, wenn man die Gesellschaft jeder Staatsform beraubt, allen Gesetzen, Normen und Wertvorstellungen? Was, wenn man den Menschen der Gesellschaft selbst beraubt?

 

Es existiert ein popkulturelles Szenario, in dem diese Frage, häufig mit direkter Anwendung der Theorie des Menschenwolfs, ausgespielt wird: Das Szenario der Zombieapokalypse – nein, nicht wegklicken, es ergibt Sinn! Versprochen.

 

Ist der Strom ausgefallen, das Internet sowieso, gehen Benzin und Nahrung zur Neige und ist von der Nationalgarde nichts zu sehen, heißt es in den Nächten der lebenden Toten stets nach kurzer Zeit: Fressen oder gefressen werden; aber nicht von Untoten, sondern von anderen Überlebenden. Die wenigsten tun dies aus Bosheit.

 

Entweder brauchen sie die Ressourcen der Anderen, um selbst zu überleben, oder sie gehen davon aus, dass Gruppe B sie, die Gruppe A, sicherlich umlegen wird, wenn sie, Gruppe A, den Finger nicht schneller am Abzug hat; abermals nicht weil es Gruppe B an Moral fehlt, sondern weil sie die gleichen Ängste wie Gruppe A hat- inklusive der Sorge, dass die anderen schneller ziehen könnten. Ein Teufelskreis.

 

Das Verhalten in dieser Situation ist keineswegs unrealistisch. Fragt man sich, was man selbst an Stelle der Film- oder Buchcharaktere tun würde, fällt es leicht zu ähnlichen Schlussfolgerungen zu kommen und deshalb ist dieses fiktive Setting es Wert, in unsere Überlegung mit einbezogen zu werden.

Natürlich vs. zivilisiert

Der Zustand, der hier gezeigt wird, besteht in seinem Grundwesen schon wesentlich länger als die Idee, dass unsere Vorfahren sich mit einem Heißhunger auf Gehirne aus ihren Gräbern erheben.

 

Dieses Szenario des völligen Abhanden-Seins aller Zivilisation, verbunden mit einer außerordentlichen Ressourcenknappheit, wurde erstmals im 17. Jahrhundert von Hobbes, Locke und anderen Philosophen, die miteinander über das Wesen des Menschen diskutierten, als „Naturzustand“ bezeichnet. Dabei war man sich von Beginn an zu jedem Zeitpunkt darüber im Klaren, dass ein solcher Zustand niemals wirklich existiert hat und nicht mehr als ein Gedankenspiel ist; ein Mensch ohne Gesellschaft kann nicht existieren, ein menschliches Miteinander jeglicher Art bildet per Definition irgendeine Art von Gesellschaft.

 

Um es in andere Worte zu fassen: Auf der Suche nach dem wahren Wesen des Menschen pflegt man bis heute, ihn in einem Zustand zu betrachten, in dem er nie gelebt hat und auch nie leben wird. Es ist, als würde man einem Einsiedlerkrebs auf der Suche nach seiner wahren Natur aus seiner Muschel heben.

 

Kann man das natürlich nennen?

 

Heißt natürlich zu leben, uns aus der Welt zu reißen, die wir uns geschaffen haben? Wenn ja, warum?

 

Wenn die Kirche der Wissenschaft vorwirft, in Gefilde vorzustoßen, die der Schöpfer nicht für seine Kreation vorgesehen hat, wird der Einwand erhoben, dass er dem Menschen in diesem Fall wohl kaum die Fähigkeiten gegeben hätte, dieser Debatte Anlass zu geben. Und das Argument trifft einen Punkt. Müsste nicht alles, was wir erschaffen, „natürlich“ sein, schlicht und einfach weil wir selbst natürlich, nämlich ein Evolutionsprodukt sind? Wer Mensch sagt, muss auch Feuer, Rad, Elektrizität sagen. Wir sind nicht die einzige Spezies, die Werkzeuge nutzt, um sich das Leben zu erleichtern, doch wir sind die Spezies, die die Praxis perfektioniert, teilweise sogar zu gut perfektioniert hat.

 

In den Situationen, in denen wir uns tatsächlich Wölfe sind, sind wir wohl die gefährlichsten Wölfe, die man sich vorstellen kann, dank unserer Geisteskraft.

Koexistenz und Kooperation

Verstehen wir nun jedoch die selbst geschaffene Welt des Menschen als seine persönliche Art der Natur, so ist der berüchtigte Naturzustand die abnormalste Art für ihn, zu existieren. Ja, der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. WENN. Wenn er nichts von dem hat, was ihn auszeichnet außer seinem Geist und seinen Daumen und wenn es ihm die Knappheit an Lebensgrundlagen verbietet, mit seinen Artgenossen zu kooperieren; oder, besser gesagt: wenn er glaubt, dass die Ressourcen zu knapp sind, um ein Überleben aller zu sichern.

 

Und diese Wahrnehmung der Versorgungssicherung ist auch keineswegs unabhängig von dem tatsächlichen Ressourcenreichtum seines Lebensraumes. Sobald er davon profitieren würde, eine Gemeinschaft zu bilden, wird der Homo Sapiens genau das tun.

 

Der Beweis für diese Behauptung liegt vor unserer Nase:

Es ist die Gesellschaft, in der wir leben.

 

Wer den Mensch als des Menschen Wolf sieht, scheint zu glauben, dass wir in unsere Zivilisation hinein gezwungen worden sind. Doch weder wurde der Mensch von überirdischen Wesen in die Gesellschaft gepresst, noch besaßen die ersten Menschen eine moralische Hoheit, die ihren Nachfahren abhanden gekommen ist. Als der Mensch begann, sich seine eigene Welt zu schaffen, handelte er lediglich seiner Natur entsprechend und würde es immer wieder tun. Ihn sich ohne diese Welt vorzustellen, wäre widernatürlich.

 

Wer weiß denn schon, wie ein Einsiedlerkrebs ohne seine Schale aussieht? Und was könnte man aus der Betrachtung schließen? Dass er ohne sie schutzlos ist? Natürlich ist er das. Gleiches sind Schnecken, nur wächst ihr Haus von selbst. Sind sie deshalb die natürlicheren Tiere?

 

Der Mensch ist dem Mensch das, was sein Lebensraum zulässt.

In Zeiten von Knappheit ein Wolf, doch ist sein Lebensraum reich genug um Koexistenz zu ermöglichen, so schließt er sich zu Gemeinschaften zusammen, beginnt, seine eigene Welt zu schöpfen.

 

Und in diesem Zustand, der, aus der Natur geboren, so natürlich ist wie jeder andere; in diesem Zustand deus est homo homini, ist der Mensch dem Menschen ein Gott.


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Kommentare: 1
  • #1

    Hans Lucas (Dienstag, 11 April 2017 19:02)

    Moin,
    ich beziehe mich (auch) auf den Beitrag von Peggy Kramer hinsichtlich A. Acostas "Recht auf ein gutes Leben". Die Theorie ist äußerst eindrucksvoll, und ich hoffe, dass sein Entwicklungsmodell nicht nur einen weiteren Elfenbeinturm darstellt. - Kann, wird global-einheitlich jemals etwas verändert werden (können)? Wenn über "nützliche" bzw. "überflüssige" menschliche Bedürfnisse zu entscheiden ist, sind Beurteilungsmaßstäbe unverzichtbar - über die man sich vermutlich niemals einigen wird. Im übrigen: wer sich anmaßt, solche Messlatten zu haben, gängelt die Menschen und zwingt sie in die Unmündigkeit! Die "sozialistischen" Länder waren/sind gescheiterte Beispiele.
    Ich hoffe mit euch auf viele "Wandler".