Huch, ne andere Meinung

von Peggy Kammer

Huch, ne andere Meinung

 

Bestätigung tut gut und wir brauchen sie.

Das siehst du doch auch so, nicht wahr?!

 

Und aus den Brettern, die unsere Welt bedeuten, bauen wir uns ein beschauliches Heim und nisten uns darin ein. 

 

Diversität? Nein danke! ... ?

 

Vielfalt, Toleranz und Wertschätzung. 

 

Die Worte gehen einem schnell über die Lippen.

Das gehört dazu, wenn man ein aufgeklärter, moderner, intelligenter und weltoffener Bürger sein will.

 

Hakelig wird es, wenn man auf Menschen mit Meinungen trifft, die so gar nicht ins eigene Bild passen. 

 

Ich gebe zu: Das Wort "tolerant" kam noch nie in einer meiner Selbstbeschreibungen vor. Dafür hörte ich es sehr häufig von anderen Leuten. Manchmal irritierte mich das und ich fühlte mich partiell als schlechter Mensch. Ich beruhigte mich damit, dass die anderen ja so tolerant sind, dann würden sie wohl auch mit meiner Intoleranz klarkommen. Aber Toleranz hat anscheinend Grenzen ...

Da hat man sich so schön in seinem Weltbild eingerichtet ...

 

In den letzten Monaten stolperte ich immer wieder über Artikel und Bücher, die mich zum Nachdenken brachten. Ich stolperte, weil Sätze und Ansichten nicht zu meinen Vorstellungen passten oder ich neue Fragen entdeckte oder weil ich wieder einmal die herausfordernde Verknüpfung von Individuum und Gemeinschaft sah.

 

Beispiel 1:

Ein Artikel in der "Zeit" mit dem Titel "Von der Angst, nicht dazuzugehören"

Kernfragen: Bin ich richtig hier? Gehöre ich wirklich dazu?

 

Beispiel 2:

Eine Kolumne im "Spiegel" zum Thema National befreite Zone 

Kernaussage: Die meisten Menschen bleiben am liebsten unter sich.

 

Beispiel 3:

Das Buch von Jan Fleischhauer: "Unter Linken. Von einem der aus Versehen konservativ wurde" - mein persönlicher Killer und ein Lesetipp für dich.

 

 

Meine Erkenntnis No.1

Toleranz hat Grenzen.

Nämlich genau die, die um mein eigenes Weltbild-Grundstück gezogen sind.

(Manche Grundstücke sind größer, manche kleiner.)

Konfrontation mit dem Fremden

Was (s)ich beim Lesen der Texte erweiterte, war: meine Komfortzone

  • Fragen, die ich noch nicht gestellt hatte.
  • Perspektiven, die ich noch nicht eingenommen hatte.
  • Weltbilder, die mein eigenes in Frage stellten. 

Ich konfrontierte mich mit Meinungen und Geschichten, die mir nicht sehr nah waren.

 

 

Meine Erkenntnis No.2

Wir brauchen das Fremde, um unseren Horizont zu erweitern.

Und: Wir brauchen das Fremde, um das Eigene überhaupt wahrnehmen zu können.

Das Richtige tun

 

Man kann für etwas sein und gegen etwas anderes. Man hat überlegt und kann Argumente für die eigene Position einbringen. So funktioniert ein lebendiger Diskurs zu unterschiedlichen Haltungen.

 

Dieser kommt allerdings zum Erliegen, wenn man sich mit der eigenen Haltung überlegen fühlt und meint, die Wahrheit gepachtet zu haben. Autsch.

 

 

Meine Erkenntnis No.3

Moralische Überlegenheit killt alles.

Die Beziehungen. Die Kommunikation. Und: Den eigenen Verstand. 

Positionieren vs. Allparteilichkeit

Für etwas eintreten ist wunderbar. Da steckt Energie drin, da sind Herz und Leidenschaft. Da ist Klarheit. Herrlich. 

 

Der andere Pol, das "Gegen", das Fremde, das nicht zur eigenen Haltung passt, stört. Würde ich dieses aufnehmen, verwässerte sich meine Position. Sie wäre vage, unentschlossen, abwartend. Und schwach. 

 

 

 

Meine Erkenntnis No.4

Es braucht klare Positionen mit Saft und Kraft. Punkt. Und dann aber eine Zeit und einen Raum, in dem man diese wieder loslassen und sich in die anderen Positionen eindenken und einfühlen kann.

Dafür braucht es Leute, die die unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Standpunkte halten können. Und: Es braucht das Teilen der Geschichten, nicht nur der Positionen.

Ein erster Schlusspunkt

 

Was Diversität trägt:

  • Menschen, die für etwas eintreten und wirksam sein wollen.
  • Das "Eintreten für etwas" basiert auf Daten und Fakten.
  • Es werden nicht nur Meinungen, sondern die eigenen Geschichten geteilt.
  • Polaritäten und Paradoxien werden willkommen geheißen.
  • Es gibt Menschen, die diesen Raum der Vielfalt schaffen und halten können.


Darin sind wir uns doch einig. Oder etwa nicht??

 

 

PS: Für mich heißt das, dass alle populistischen, postfaktischen Nasen aus dem Rennen sind. Da haben Diversität und Toleranz nämlich ihre Grenzen. Wäre doch zu schade gewesen, wenn ich meine intolerante Seite komplett hätte begraben müssen ... Gott sei Dank. 


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Kommentare: 1
  • #1

    Hans Lucas (Sonntag, 02 April 2017 11:22)

    Moin,
    meine Bereitschaft zur Meinungsäußerung - ggf. auch gegen Widerstände - wird entscheidend von der Erkenntnis bestimmt, ob es sich bei der Beurteilung einer Situation um zentrale, z. B. ethische Werte, oder pille-palle, handelt. Sich (möglichst) immer wahrhaftig fühlen zu können ist mir wichtig!