Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein – ein Aufschlag

von Peggy Kammer

Supervision Coaching-Ausbildung 2017

 

Der Osten ist in den Fokus der medialen Berichterstattung gerückt.

Vom „Dunkel-Deutschland“ ist häufig die Rede, von den Abgehängten, die bei Pegida mitlaufen und die AfD wählen.

 

Ich oute mich. Ich bin ein Ossi.

Ich laufe nicht mit.

Ich lebe im Westen.

 

Ich bin (trotzdem) betroffen.  

 

Meine Herkunft beschäftigte mich lange nicht sonderlich. Ich war halt in der DDR aufgewachsen und 12 Jahre jung, als die Mauer fiel. Seit einigen Jahren lebe ich im Westen. 

 

In meiner Studienzeit gab es hin und wieder Treffen und Gesprächskreise, an denen ich teilnahm - zu Ost und West, zur DDR-Vergangenheit und Fragen der deutschen Einheit. Damals schaute ich noch recht unbeteiligt und unreflektiert auf die Themen, war wahlweise im Nostalgie-Modus, wenn ich an meine Kindheit und die Zeit als Jung- und Thälmann-Pionier dachte, oder konnte und wollte nicht sehen, dass die DDR-Sozialisation auch zu mir und meiner Geschichte gehört und mich prägt(e). Schließlich hatte ich keine Probleme, im neuen Gesamtdeutschland meinen Weg zu gehen. Ich hatte nicht die Erfahrung meiner Eltern- und Großeltern-Generation. 

Betroffenheit

Der erste merkliche Einschlag in meine Unbekümmertheit ereilte mich völlig unvermittelt im letzten Sommer. Der „Spiegel“ brachte eine Art Sonderheft mit dem Titel „Die Lage der Nation“ heraus. Irgendwo in der Mitte des Heftes dann der Beitrag „Was ist los mit den Ostdeutschen? Eine Reise durch ein erschöpftes Land“. Darin ging es u.a. um das Engagement der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping, die durch ihr Bundesland reiste (und immer noch reist), um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit den Ostdeutschen in Heidenau, Clausnitz, Freital, Dresden und andernorts.

 

„In diesen vielen Gesprächen, erzählt Köpping, habe sie folgende Erfahrung gemacht: Zunächst kochte die Wut auf die Flüchtlinge hoch. Aber bald begannen die wütenden Leute ihre Geschichte zu erzählen. Von Kränkungen, Niederlagen, Ängsten, unverarbeiteten Nachwendeerlebnissen. Es war, als würde sich plötzlich ein Ventil öffnen. Irgendwann sagte jemand zu ihr: »Frau Ministerin, Sie immer mit Ihren Flüchtlingen! Warum integrieren Sie nicht erst mal uns?« …“ (Spiegel-Ausgabe 31/2017)

 

An dieser Stelle musste ich plötzlich heftig weinen. Das geschilderte Erleben war nicht meines, das war nicht ich. Und doch fühlte ich eine starke Verbindung und Betroffenheit. Die kollektive DDR- und Nachwende-Nummer. Na prima. Und: Ja, es ist meine Heimat.

 

Was mich so durchrüttelte, war und ist die Verletzlichkeit hinter der Wut, hinter dem Hass. Das waren nicht einfach nur Mitläufer, Fremdenhasser oder Nazis, sondern Menschen mit den Gefühlen und Erfahrungen von Niederlage und Angst. Und ich hatte so großen Respekt vor der Initiative der Ministerin. Wie einfach ist es, die Leute abzustempeln und zu verurteilen, wie anspruchsvoll dagegen, sich auf sie und ihre Geschichten einzulassen, um zu verstehen.

 

Was ich im letzten Sommer nur spürte, aber nicht in Worte fassen konnte, war die immanente  Botschaft der Heimatlosigkeit und Marginalisierung vieler Ostdeutscher. Diese Begriffe begegneten mir gerade beim Lesen des vor Kurzem erschienenen Buches „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ von Jana Hensel und Wolfgang Engler.

Was tun?

Seit Beginn der Pegida-Demonstrationen im Herbst 2014 – oh Gott sind die ausdauernd – und den folgenden Übergriffen und Anschlägen auf Flüchtlinge durchlaufe ich eine Vielzahl von Gedankenschleifen und Emotionen. Alle sind natürlich geprägt von einer grundlegenden Distanz gegenüber allen nazistischen und faschistischen Überzeugungen, Äußerungen und Taten. Und ich spüre kein Verständnis in mir für das Verhalten der sogenannten besorgten Bürger, bei den Rattenfängern mitzulaufen. Bei so manchen Beiträgen in den Nachrichten überkommt mich große Missachtung (und auch Scham) ob der zum Teil dummen Kommentare und des archaischen Gebrülls.

 

Und ich bin ratlos, was „man“ machen kann. 

 

Es ist leicht, die Menschen zu verurteilen, die mitlaufen, die heimlich (oder gar nicht mehr so heimlich) die AfD wählen. Es ist logisch, sie zu verurteilen und eine starke Grenze zu ziehen (das ist fremd und hat mit mir nix zu tun, das geht gar nicht). 

Nur, davon verändert sich nix.   

 

Ich bin vor allem ratlos, weil vernünftige, faktenbasierte Gespräche gar nicht mehr möglich sind.

Und hier merke ich gerade eine große Distanz, einen tiefen Graben zwischen „mir“ und den „rechten, unvernünftigen Ostdeutschen“. Autsch. … Mit denen kann man ja gar nicht mehr reden …

 

Eitelkeit und Hochnäsigkeit, nein: Überlegenheitsgefühle. Sind menschlich. Aber auch blöd und hoffnungsfrei.

 

Ich bin ratlos, aber nicht hoffnungslos. Ich bin besorgt. Ich habe (auch) Angst. Nicht vor Flüchtlingen und Migranten, sondern vor dem erstarkten Nationalismus und den großen Gräben in unserer Gesellschaft. 

 

Ich bewege das Thema der ostdeutschen Identität, wenn es sie denn per se gibt.

 

Ich frage: Was kann man tun? Was kann ich tun? Was können wir tun? 

Nachdenklich

Vor ein paar Tagen kam der Dokumentarfilm "Montags in Dresden" von Sabine Michel im Fernsehen.

Hier gibt es zwei Artikel zum Film: in der Berliner Zeitung und bei Zeit online.

 

Die Kritik am Film war und ist groß: Die Filmemacherin kommentiert nicht, bewertet nicht, bezieht keine Stellung. Ja, das kann man kritisieren. Gleichzeitig verlangt es vom Zuschauenden, selbst Position zu beziehen. Oder eben gerade nicht. Der Film verweigert sich einer Klarheit, die wir gerne einnehmen, wenn es um Pegida und AfD geht.

 

Der Film begleitet und zeigt 3 Menschen. Das macht den Unterschied. Ein Schwarz-Weiß-Denken ist kaum möglich. Es sind keine gut beschrifteten Schubladen greifbar. 

 

Eine der Szenen, die mich zum Nachdenken brachte, spielt sich auf dem Neumarkt ab bei einer Bürgerbefragung zum Bus-Monument des syrisch-deutschen Künstlers Manaf Halbouni:

 

Eine Frau (offensichtlich Pegida-nah): "Wenn wir über Deutschland reden, dann reden wir mal über Waffenexporte. Warum kommen denn die zu uns? Weil wir wie die Blöden daran verdienen, dass da unten Krieg ist."

Dies sagt sie zu zwei jungen Männern (offensichtlich aus dem linken Lager), die ihr zustimmen.

Und jetzt kommst du:

Ich freue mich über Kommentare und Ideen zu meinem Beitrag.

Und auch über persönliche Geschichten vom (Ost)Deutsch sein, die wir gern hier im Blog veröffentlichen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Anne (Montag, 29 Oktober 2018 11:40)

    Danke für diesen Beitrag, Peggy!
    Bei aller Ratlosigkeit hat mich ganz besonders der Abschnitt berührt, in dem rechtes und linkes Lager sich unerwartet einig sind.
    Ich verfolge und führe viele Diskussionen mit Menschen, sehr viele aus Dresden. Sie sind unglücklich über die Entwicklung in ihrer Stadt, aber noch unglücklicher über die Verurteilung ihrer Stadt. Sie werden durch die mediale Darstellung Dresdens in die Unsichtbarkeit gepresst oder schlimmer noch, im rechten Lager subsumiert. Das macht erst einsam und ohnmächtig und dann wütend. Die Wut richtet sich gegen die, die Montag für Montag auf die Straße gehen und wiederum wütend sind, auf jene, die noch schwächer sind.
    So kann man sich Schublade für Schublade nach unten richten und dabei den Schrank, in dem sie stecken völlig aus den Augen verlieren.
    Aber es gibt offenbar noch die Momente, wo ihnen kurz ins Bewusstsein rückt, dass alle klemmenden und knarzenden Schubladen vor allem Symptome eines Systems sind, welches den Blick für seine Bürgerinnen und Bürger verloren hat.
    Es ist so einfach und dabei so gefährlich, alle Menschen, die für Pegida auf die Straße gehen, ins rechte Lager zu stecken. Wenn die Sorgen dieser Menschen nicht gehört werden, ist es nur eine Frage der Zeit, dass sie bereit sind, die Erwartungen, die ihnen bereits unterstellt werden, auch zu erfüllen.
    Und wenn die Menschen einer Stadt oder einer großen Region Deutschlands nicht mehr in ihrer Vielfältigkeit betrachtet werden, sondern im Großen und Ganzen nur noch als brauner Mob gelten, werden wir auch die verlieren, die es nicht hinnehmen wollen, dass ihre Heimat so aufs Abstellgleis verfrachtet wird.
    Bei diesem Gedanken wird mir eiskalt.