Kontrolle ist gut - Ächtung ist besser: Chinas Sozialkreditsystem - Teil 2

von Julian Gebhard

Kontrolle ist gut - Ächtung ist besser: Chinas Sozialkreditsystem

 

Das geplante Sozialkreditsystem in China ist gruselig (hier geht's zu Teil 1). 

 

Die Sammlung und Auswertung der persönlichen Daten ermöglichen eine penible Bewertung der Bürger.

 

Die Kontrolle ist schon schlimm genug -die soziale Ächtung ist aber noch weit schlimmer.

Ein totalitärer Staat ohne Repressionen

Der eigene Score richtet sich nicht nur nach eigenen Handlungen und Äußerungen, sondern auch nach den Bewertungen und Handlungen der Freunde und Verwandten.

 

Es ist also möglich, selbst tadellos bewertet zu werden, aber durch Freunde mit niedrigem Sozialkredit Abzüge zu bekommen.

 

Wenn das funktioniert, wie ich es mir im schlimmsten Fall vorstelle, könnte China ein Unikum in der Weltgeschichte erreichen: Einen totalitären Staat ohne massive staatliche Repression.

 

Viele traditionelle Mittel, die sonst nötig sind, um ein Volk in Reihe zu halten – Exekutionen, Attentate, Beschattungen und Lauschangriffe - sind grobschlächtig, kontrovers und oft ungenau. Sie hinterlassen verfolgbare Spuren, sind oft Menschenrechtsvergehen und nähren damit Feindseligkeiten oft mehr, als sie zu unterdrücken. Sie funktionieren klar von oben nach unten, sind teuer, langsam und zumeist im Hintertreffen zu den aktuellen Gegebenheiten der Zeit. Man denke etwa an jene Polizisten der Ukraine in den 90ern, die in Häuser stürmten mit der Frage „Wo ist das Internet?!“ und daraufhin die Computer der Anwohner zerschlugen. Problem gelöst. 

In einem Wort: Unhandlich.

 

Hiermit würde aber sozialer Druck im eigenen Volk elegant verwendet, um seine Leute zu konformen Bürgern zu erziehen.

 

Wer möchte schon mit jemandem befreundet sein, wenn das hieße, dass man sich das eigene Haus nicht mehr leisten könnte oder den Beruf verlieren würde?  Würde man nicht ein ernstes Gespräch mit einem Bruder führen wollen, der mit seiner kritischen Kunst einen Schaden für die ganze Familie darstellt, selbst wenn er in einer anderen Stadt, in einem anderen Teil des Landes wohnt?

 

All die Leute, die der Regierung und der Partei zuwider sind, würden also von ihren Umfeldern geächtet und ausgeschlossen. Sie müssten sich selbst entscheiden, ob sie ihr Leben staatstreuer ausrichten oder tatsächlich bereit sind, soziale Isolation erdulden  - eine der schlimmsten Strafen für jeden Menschen.  

Das Übel kommt schleichend und spielerisch

Das klingt alles ziemlich erschreckend für mich.

 

Zum einen, weil ich mir wirklich gut vorstellen kann, dass sich ein Sozialkreditsystem Schritt für Schritt implementieren lässt.

 

Jeder einzelne wird harmlos und vielleicht sogar praktisch erscheinen.

Und erst nach und nach wird offensichtlich, wie umfassend und unwiderruflich der begangene Wandel ist.

 

Zum anderen hat der Sozialkredit eine so bestechend einfache Logik, die sich entscheidende Aspekte unserer modernen vernetzten Gesellschaft zunutze macht. Und jeder, der schon einmal irgendwo einen Highscore geknackt hat, wird nachvollziehen können, wie schnell man denkt: „Ich wette, dass krieg ich noch besser hin...“ 

Ob sich Sozialkredit tatsächlich durchsetzen wird, bleibt abzusehen. Einige bisherige Anläufe sind auch tatsächlich auf Gegenwehr der Bevölkerung gestoßen und mussten zurück in die Bearbeitung gegeben werden.

 

Wie aber auch immer der Wind bläst, bald wird sich seine Richtung zeigen.

2020 war das bisherig festgesetzte Datum für die vollständige Implementierung. Das ist nicht lange hin.

 

Im Westen hört man bisher kaum etwas von Sesame Credit und seinen Schwesterprogrammen. Und auch in China scheint man sich nicht ganz bewusst zu sein, was da auf einen zukommt. 

 

Eine chinesische Dozentin, bei der ich letztes Semester ein Seminar über chinesische Kulturpolitik belegte, hatte noch nie etwas von Sozialkredit gehört. Ich hatte eigentlich vor, eine Hausarbeit über Sesame Credit als Beispiel einer maoistischen oder konfuzianistischen Kulturpolitik zu schreiben. Deutsche Literatur konnte ich nicht finden, und auch sie wusste nichts aus dem englischen Raum, geschweige denn über chinesische Untersuchungen.

 

„The Circle“ hatte sie aber mit Interesse und Besorgnis gelesen…


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